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Nichts Neues unter der Tanzsonne? Weit gefehlt, meint Peter Pleyer. Er versammelt in Berlin die Avantgarde von gestern, um deren Energie in Gegenwartsströme einzuleiten

Meg Stuart und Sasha Waltz, Auge in Auge: Sahen wir je zuvor, dass eine ihre Chinos fallen lässt und sie der anderen hinüberwirft? Wie eine der anderen folgt beim Tausch der Slips, Shirts, Duftnoten? Haben wir je beobachtet, wie sie die Blicke eines aufgekratzten Publikums aufs nackte Fleisch aushalten? Minuten später stehen beide noch immer Front zu Front, aber jeweils im Outfit der anderen, bevor sie in radikalem Clinch zur Sache kommen. Beide lieben die harte Konfrontation, den energetischen Zugriff, die Power kraftvoller Unverhofftheit.

Das ist nicht ohne Komik, wenn die Choreografinnen, hier als Performerinnen tätig, herumjagen, wenn Meg, die notorisch Scheue, Sasha kopfüber hängen lässt und nicht weiß, wie sie sie wieder loswerden soll. Ästhetisch trennen die Werke der beiden Welten. Was sie verbindet, ist offenbar mehr als Kleidergröße, Alter, Mutterschaft und Prominenz. Gefüttert mit dem Wurzelsaft aus der Sippe der New Yorker Judson Church schöpfen sie aus der gleichen Quelle: Improvisation und Release-Techniken, wie sie in den Schulen neuer Tanzentwicklung in Amsterdam und Arnheim kultiviert wurden, wo sie sich 1986 begegneten.

Einflüsse aus New York

Sasha hatte in ...

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Tanz November 2014
Rubrik: produktionen, Seite 13
von Irene Sieben

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