Tausend Möglichkeiten

Maguy Marin: «Umwelt» in Lyon

Tanz - Logo

Besonders pfiffige Zuschauer brachten ihre Wachsstöpsel mit. Sie hatten in der Presse von «ohrenbetäubendem Gitarrengewitter» gelesen. Die ersten flohen aus dem Toboggan nach fünfzehn Minuten. Dabei war es gar nicht so schlimm. Drei E-Gitarren lagen friedlich vorn am Bühnenrand, was bei Maguy Marin keine Überraschung ist. Von rechts nach links lief ein weißer Bindfaden, direkt über die Saiten. Als der gespult wurde, heulten die Gitarren auf. Laut, aber nicht höllisch.
Schlichte Linien von links nach rechts bestimmen die Bühne in «Umwelt».

Vorn der weiße Faden, hinten drei Reihen spiegelhaft glänzender Schilde, gestaffelt versetzt. Zwischen ihnen ein Wind- und Lichtkanal.  Weder am Bühnenbild noch am Tempo wird sich in der einen Stunde etwas ändern. Menschen treten vor die Spiegel und treten wieder weg. Belanglose Dinge, aus denen unser Leben gestrickt ist. Sich nach dem «Geschäft» die Hosen hochziehen, zur Arbeit gehen, Geld zählen, Müllsäcke zubinden, Babys herzen, fluchen,  eine Zimmerpflanze ins Haus tragen. Dann: sich die Frisur zurechtrücken, sich umarmen, einen erlegten Hasen präsentieren. Privatleben, Berufsleben. Der Schlachter trägt eine Schweine­hälfte auf der Schulter, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Februar 2005
Rubrik: On Stage, Seite 46
von Thomas Hahn

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ein Brief aus Stockholm

Stockholm im Dezember: Es ist kalt, aber strahlend blauer Himmel, klare Luft, eine ferne, blasse Wintersonne. Am Konzerthaus sammeln sich die Menschen, um die Anfahrt zur Nobel­preis­feier zu beobachten: 1700 geladene Gäste in Frack und Abendkleid. Diplomaten können bis zur Treppe vorfahren, die anderen müssen zu Fuß dorthin, die Königliche Familie benutzt einen...

Ode an den Vogel

A-B-A-B. Harmonie-Disharmonie-Harmonie-Disharmonie. Gleichgewicht/ Ungleichgewicht, usw. ... Keine  Frage, das Weihnachtsprogramm an der Opéra national de Paris war kunstvoll gestrickt. Und im prunkvollen Foyer glänzte eine Tanne, geschmückt mit roten und goldenen Tanzschuhen. Vier Stücke statt der üblichen drei, davon zweimal Trisha Brown, und weder ein Balanchine...

The Queen Of Hearts

Ja, das balletttheater München gibt’s noch. Was nicht heißt, dass alles eitel Sonnenschein wäre. Die Finanzknapp­heit bringt Kämpfe mit sich – um Tänzerstellen, um die Zahl von Produktionen und Aufführungen. Der Engländer Taylor wundert sich da ein wenig über die Schwerfälligkeit deutscher Spartenhäuser. Aber noch ist ihm nicht der Finanzminister in Gestalt der...