corpus delicti

Wie frei ist politische Performance-Kunst im öffentlichen Raum? Wo beginnt und wo endet sie? Steven Cohen wirft wie die Femen-Aktivistinnen die Frage auf: Wie unbotmäßig darf Tanz sein?

Verurteilt – oder doch nicht? Die 28. Kammer des Tribunal correctionnel von Paris sprach Steven Cohen am 5. Mai der «exhibition sexuelle» schuldig – zum Nulltarif. Die angedrohte Geldstrafe von 1000 Euro wurde nicht verhängt. Noch nicht einmal einen symbolischen Euro muss er zahlen. Doch daran, dass Cohen nun vorbestraft ist, ändert das nichts. Hier wurde kein salomonisches Urteil gesprochen, sondern ein sybillinisches, auch ein hinterhältiges, ein hochgradig politisches. Es steht nicht weniger als Frankreichs Ruf als tolerante, weltoffene Kulturnation auf dem Spiel.

Mit der Verurteilung des Künstlers wird ein Zeichen gesetzt, nach dem Motto: Es wird sich unter politisch oder sonstwie aufmüpfigen Performern schon herumsprechen, dass man sich besser nicht mit dem Geschmack der bürgerlich-konservativen und religiös fundamentalistischen Schichten anlegt. Denn die gewinnen an Terrain, in öffentlichen Debatten, auf der Straße, an den Wahlurnen, wie jüngst der Durchmarsch des Front National bei den Europawahlen belegt hat. Diese Klientel darf natürlich nicht provoziert werden.

Es war wohl der wachsenden politischen Nervosität geschuldet, dass Cohen für seinen Spaziergang mit angeleintem ...

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Tanz Juli 2014
Rubrik: ideen, Seite 62
von Thomas Hahn