stell dir vor

du bist ein Tänzer aus Mali. Die Vorurteile liegen auf der Hand. Du hast diese «besondere» Hautfarbe und eine für europäische Tänzerverhältnisse zu sportliche Physiognomie. Nun aber haben es alle aus den Nachrichten erfahren. Bei dir zu Hause herrscht Krieg. Jeder fragt dich besorgt: Stammst du aus dem Norden oder Süden von Mali? Auf einer zeitgenössischen Bühne bist du jetzt der ideale Katastrophengebietstänzer. Selbst wenn du in Frankreich aufgewachsen bist.

Oder stell dir vor, du lebst auf diesem schmalen Handtuch zwischen der Türkei und Ägypten.

Es gibt kein anderes Gebiet, in dem in dreitausend Jahren mehr Krieg geherrscht hat als hier. Omar Rajeh verbrachte 15 Jahre seines Lebens im libanesischen Bürgerkrieg. Heute steht sein Nachbarland Syrien in Flammen. Dass er jetzt im April zu seiner «Arabischen Plattform» auch (geflohene) Choreografen aus Damaskus ins benachbarte Beirut einlädt, halten die einen für mutige Krisenintervention, aber andere nennen ihn einen Trittbrettfahrer der Krise. Darum hatte Rajeh in den Vorabgesprächen zu Nicole Streckers Porträt (Seite 20) enorme Vorbehalte, denn: «Welcher Künstler will schon einen Krisengebiets-Bonus?»

Eben. Und stell dir vor, du ...

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Tanz April 2013
Rubrik: editorial, Seite 1
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