Üben

Wie ein Choreograf die Kunst der Hingabe lernt. Mit viel Zeit. Über die Praxis des japanischen Kyodo

Will ich in Tokio Unterricht nehmen in japanischem Bogenschießen, kann ich nicht einfach in ein Studio gehen und loslegen. Ich benötige einen japanischen Bürgen, der für mich spricht, ein gutes Wort einlegt. Nur so erhalte ich die Einladung zu einer Probestunde, die darin besteht, dass ich – im Beisein des Bürgen – den Übenden zuschauen darf.

Zweieinhalb Stunden verharre ich mit untergeschlagenen Beinen und geradem Rücken in einer Ecke des Studios, nein eher eines Tempels. Keine Ahnung, ob das als respektvolle Haltung aufgefasst wird oder als typische Macke eines Westlers.

Die Schützen sind alle tipptopp gekleidet, in ein kompliziert verschnürtes und penibel gefaltetes Kimonopaket, an den Füßen blütenweiße Schläppchen, die dem großen Zeh ein Extrafach bieten. Trotz allem ernsthaftem Zelebrieren ist die Atmosphäre entspannt, gelegentlich wird sogar gelacht, gescherzt? Scheinbar erst gegen Ende der Stunde nimmt der Meister Notiz von mir: Ich darf am nächsten Tag wiederkommen, allein.

Am nächsten Tag das gleiche Prozedere. Ich sitze aufmerksam in meiner Ecke, übe mich in Geduld. Darum geht es doch wohl, oder? Zwei weitere Tage vergehen, bis der Meister mich plötzlich erstmals direkt ...

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Tanz Jahrbuch 2007
Rubrik: Schwerpunkt, Seite 82
von Felix Ruckert

Vergriffen