schwache zeichen sind stark

Grabungen in der Kluft zwischen Körper und Bild: Laurent Chétouanes «Tanzstück #4: leben wollen (zusammen)» sucht im strengen Individualismus das Fremde, die Form und die Faszination der Freiheit

Tanz - Logo

Das handfeste Drama bleibt in Laurent Chétouanes jüngstem «Tanzstück #4: leben wollen (zusammen)» die Ausnahme. Die Worte verlieren sich in luftiger Bewegung, fliehen in die Weite des Raums. Der französische Regisseur und Choreograf ließ sich von Roland Barthes’ Text «Comment vivre ensemble» inspirieren, fand darin Fremdheit in der Nähe, die Irrita­tion in der Gewohnheit, das Besondere im Unscheinbaren – Dinge, die er in seiner Bühnenkunst immer wieder sucht.

Man könnte auch andere Zeilen von Barthes anführen, aus den «Fragmenten einer Sprache der Liebe» etwa, in denen es heißt: «[…] auf dem Feld der Liebe ist die Belanglosigkeit keine ‹Schwäche› oder ‹Lächerlichkeit›: sie ist ein starkes Zeichen: je belangloser, um so mehr bedeutet sie, bestätigt sich als Kraft.» 

 

Belanglos? Beiläufig ist für Chétouane das treffendere Wort: so, wie die fünf Tänzer einer nach dem anderen die Bühne betreten, wie sie lose Reihen bilden, Diagonalen formen, sich an den Händen fassen und auf leisen Sohlen einen zarten Reigen anstimmen. Im Hintergrund wandern gesprochene Textzeilen in sogleich wieder verblassenden Projektionen, erscheinen Landschaften in naiver Comiczeichnung. Die Bewegung nimmt dazu ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Mai 2010
Rubrik: PRODUKTIONEN, Seite 12
von Irmela Kästner

Vergriffen
Weitere Beiträge
tanz im mai

brüssel: Vous êtes servis

Es ist angerichtet. Ein Höhepunkt beim diesjährigen «Kunstenfestivaldesarts» vom 7.–29. Mai in Brüssel ist – ein Film. Jorge León macht sich darin auf die Suche nach dem Schicksal indonesischer Mädchen, die zu Hausangestellten ausgebildet werden und bald, ohne Pass und Sprachkenntnisse, hinter den dicken Wänden der Oberschicht ausgebeutet,...

Marketing

1893 brachte Dr. Oetker das Backpulver an die Hausfrau. Bis dahin gab es nur Mehl. Zum ersten Mal wurde massenhaft ein Produkt angeboten, von dem die Kun­dinnen gar nicht wussten, dass es ihnen gefehlt hatte. Es war die Geburts­stunde des Marketings. Was für «Backin» funktionierte, klappt auch für den Tanz. Seit sich 4,8 Millionen Briten zum Tanz bekennen, genauso...

tanz im tv

«pitie!» von alain platel 

Seine choreografierte Interpretation zu Bachs «Matthäuspassion» tourte bis in den Kongo, in die Heimat des Countertenors Serge Kakudji. Hier endete letztes Jahr das Leidenswerk Jesu – pathetischer Schlussakkord einer Choreografie, bei der Kakudji die Rolle des schwarzen Jesus sang und nun vom Glück erzählt, an ihn auch glauben zu dürfen....