Schlüsselloch
Ein Tag im Winter 2021. Im Homeoffice. Schriftsteller sind ja seit circa 2500 Jahren im Homeoffice, wir sind gewissermaßen die Gründungsväter des Homeoffice. Man solle das Homeoffice verantwortungsvoll nutzen, hat der Bundespräsident gesagt. Tolstoi konnte das, der hatte sogar 13 Kinder im Homeoffice und hat dabei noch «Krieg und Frieden» geschrieben. Normalerweise geht mein Sohn zur Kita, die Tochter noch nicht.
Meine Frau ist Tänzerin, normalerweise probt sie ihre Choreografien woanders, aber sie ist jetzt auch im Homeoffice und studiert in meinem Arbeitszimmer eine Performance ein, während ich gerade in der Küche versuche, meinen Roman zu schreiben.
Mein Sohn schaut seit dem Lockdown am liebsten Schlachten der Römer, nachgestellt mit Playmobilfiguren auf YouTube. Die Kleine schaut mit, was ich nicht so gut finde, weil dazu richtige Schreie eingespielt werden, gerade schreien die Westgoten. Ich springe auf, weil ich vergessen habe, den Kindern Vitamin D zu geben, in diesen Zeiten soll man ja an Vitamin D denken.
Das Telefon klingelt. Für meine bereits dreimal verschobene Beethoven-Theater-Premiere ruft der Regisseur an und will über eine Umbesetzung sprechen, weil der ...
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Tanz Jahrbuch 2021
Rubrik: Unterwegs, Seite 74
von Moritz Rinke
Als der Corona-Ausnahmezustand Mitte März 2020 Deutschland erfasste und wir das Ballettzentrum Hamburg schließen mussten, war es sehr schwer, der neuen Realität ins Auge zu sehen. Plötzlich gab es nur noch Online-Trainings, zu Hause. Keine Aufführungen. Es war hart, sich nicht mehr zu berühren und gemeinsam mit Kollegen tanzen zu dürfen. Von einem Tag auf den...
Im August 2020 fing unsere erste Spielzeit als neugeformtes Ballett am Rhein an. Die Welt stand still, aber wir bewegten uns weiter. Wortwörtlich: Im Ballettsaal, im digitalen Raum und in unseren Köpfen und Herzen wurde unsere Vision für diese Compagnie weitergesponnen, vorangetrieben, vergrößert und bereichert von und mit den Menschen, die mir an den Rhein gefolgt...
… Eine Arbeit mit Jugendlichen in Düsseldorf, denen ich und meine Kollegin Kamila Kurczewski nie analog begegnet sind.
Produktiv sein müssen und choreografische Gruppenarbeit gewährleisten, um die Lage zu retten? Nein, ich hatte keinen Bock. Ich habe mich eher auf einzelne Proben oder Gespräche konzentriert; erst mal, um einen Raum zu schaffen, in dem jede*r sich...
