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«Reasonable facsimiles» oder «inspired replica»: Womit die Klassik am meisten kämpft, erfahren Millicent Hodson und Kenneth Archer jeden Tag. Das Original existiert nicht. Julia Danila über die häufigsten Fallstricke bei der Rekonstruktion alter Choreografien

Selbst ein so berühmtes Werk wie Vaslav Nijinskys «Le Sacre du printemps» wirklich rekonstruieren zu wollen, wäre verlorene Mühe, gäbe es nur die fixe Idee einer absolut originalgetreuen Reproduktion. Der Versuch, dem Original selber gleichzukommen, schrieb schon Walter Benjamin in seinem Aufsatz «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit», kann immer nur der Versuch einer Annäherung sein.

Seit Jahrzehnten suchen Millicent Hodson und Kenneth Archer in London mit kriminalistischem Gespür nach Zeugnissen zu Nijinskys «Jeux», «Sacre» und «Till Eulenspiegel», um nach eingehender Prüfung aus ihnen keine Reproduktionen, sondern ehrlicherweise «reasonable facsimiles» herzustellen, wie sie es nennen – sinnvoll nachgeahmte Kopien. «Wir forschen als Wissenschaftler und rekonstruieren als Künstler» lautet ihr Motto – das sich zuletzt in der Übersetzung von Nijinskys «Sacre» am Hamburg Ballett im Rahmen von John Neumeiers «Hommage aux Ballets Russes» großartig bewies. Ihr Motto besagt, worin der Hauptzweifel besteht: Die historische Wissenschaft und das heutige Kunstschaffen, der heute heutig tanzende Tänzer und das heute mit heutigen Augen sehende Publikum, selbst die ...

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Tanz Jahrbuch 2009
Rubrik: Schwerpunkt, Seite 58
von Julia Danila

Vergriffen