Reginaldo Oliveira: «Anna Karenina»
Nur eine Sekunde, ein minimales Manöver – und wir wissen alles über diese Frau. Geräuschlos tritt sie neben Vater und Sohn, schiebt ihre Hand durch die angewinkelte Armbeuge des Mannes, legt linke und rechte Fingerspitzen kurz aneinander – und zieht sich ins Halbdunkel zurück. Nichts hat diese Lidija mehr erhofft, ersehnt, vom Schicksal erbettelt als das, was gerade eben geschah: Alexej Karenin hat seine Gattin verstoßen, nicht ohne ihr vor Augen zu führen, dass seine Macht alles vermag. Auch Mutter und Kind zu trennen. Lidija, die Gouvernante, bietet sich an als Ersatz.
Als intime Trösterin, Gebieterin des Hauses, als mütterliches Surrogat. Und wie sie das in Reginaldo Oliveiras «Anna Karenina»-Inszenierung tut, ist unbedingt sehenswert.
Leo Tolstois «Anna Karenina» ist vielfach für die Tanzbühne adaptiert worden – zuletzt etwa von Christian Spuck und John Neumeier. Der Roman entfaltet anhand des Ehebruchs, mit dem sich die Gattin eines Staatsbeamten aus der honorablen Moskauer Gesellschaft katapultiert, das Sittengemälde einer ganzen Epoche. Was Salzburgs Ballettchef gelingt, ist die zeitlose Umsetzung der Vorlage durch Verdichtung der Handlung und Verknappung des Personals. ...
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Tanz August/September 2021
Rubrik: Kalender, Seite 32
von Dorion Weickmann
Seit September 2019 leiten Marine Brutti, Jonathan De Brouwer und Arthur Harel das Ballet national de Marseille (BNM). Und Stück für Stück nimmt Gestalt an, was das konzeptuell-choreografische Kollektiv, das als (La)Horde firmiert (tanz 7/19), dort vorhat. Neue Tänzer*innen hatten sie gleich nach Amtsantritt im September 2019 engagiert und mit ihnen einen...
So ein Humboldt-Forum, als das die Berliner retroselig ihr Stadtschloss an Stelle des Palasts der DDR-Republik nachgebaut haben, könnte ein toller Ort für die Künste werden. Im Besuchershop finden sich noch Erichs Lampen aus der Honeckerzeit, die einst den Palast der Republik, der hier stand, illuminierten. In Originalgröße gibt's dazu schmucken Neoklassizismus,...
Der Letzte macht das Licht aus. Nicht bei John Neumeier. Noch während der ersten Welle der Pandemie erinnerte sich Hamburgs Ballettchef eines alten Brauchs und ließ nicht nur des Nachts im Theater das sogenannte «Ghost Light» leuchten. Er hielt auch während des Lockdowns sein Ensemble in Bewegung und sorgte so dafür, dass böse Geister gar nicht erst in Versuchung...
