Orpheus

Der «Orpheus» von John Neumeier, betrachtet in einer langen Ahnenreihe von Noverre bis George Balanchine alias Mr. B.

Der britische Psychoanalytiker Adam Limentani erzählte seinen Kollegen 1959 von «Mr. B.», einem besonderen Klienten. Jede Trennung stürzte diesen Mann in abgrundtiefe Verzweiflung. War der Therapeut telefonisch gerade nicht erreichbar, fürchtete Mr. B., er könne verstorben sein. Dass er den Arzt mit anderen Patienten teilen musste, schien unzumutbar. Jahrelang rangen der besitzergreifende Mr. B. und sein Doktor heftig miteinander, bis Marcel Camus’ «Orfeu Negro» ins Kino kam und die Erlösung brachte.

Die tragische Geschichte von Orpheus, der seine Geliebte aus dem Hades zurückholen will und sie stattdessen durch einen Blick zur Unzeit vernichtet, erwies sich als Katharsis: Mr. B., ein Anti-Ödipus sozusagen, versöhnte sich mit den unglücklichen Introjekten seiner Kindheit – allen voran einer Mutterfigur, die sich der Liebe verweigert hatte und deshalb in die Grabkammer des Unbewussten verbannt worden war. «Manche Dinge entziehen sich dem menschlichen Ausdrucksvermögen», erklärte Igor Strawinsky, der Komponist, der seinerseits 1948 einem anderen Mr. B. bei dessen «Orpheus»-Bearbeitung zur Seite gestanden hatte. Strawinsky ließ, das psychoanalytische Dilemma gleichsam spiegelnd, am ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Januar 2010
Rubrik: Titel, Seite 14
von Dorion Weickmann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Premieren im Januar

Deutschland

Berlin

Dock 11
Clint Lutes und Bérengère Valour verwandeln in «Get a Leg up» eine Brandkatastrophe im Bazar de la Charité in Paris am Ende des 19. Jahrhunderts in eine fiktive Geschichte aus Gier, Verrat und Tod, 7. Jan.

«Parsème», Installation von Morgen Belenguer, 21.-24. Jan.

Komische Oper
Staatsballett Berlin, «Shut Up and Dance! Reloaded»,  15. Jan.

so...

Sankai Juku

Jeder Künstler kehrt irgendwann zurück zu seinen Wurzeln. Jahre-, jahrzehntelang produziert man für den Publikumsgeschmack oder den der Förderer und öffentlichen Geldgeber. Man bestätigt Erwartungen, die man selbst geschürt hat. Hinterfragt auch nicht mehr plakative Pauschalurteile, sondern reproduziert sie geflissentlich. Never change a winning style? Aber...

Sidi Larbi Cherkaoui: «Orbo Novo»

Der Bestseller «My Stroke of Identity» der Hirnforscherin Jill Bolte Taylor – die bedrückende Geschichte ihres eigenen Schlaganfalls und ihrer langsamen Genesung – hatte Cherkaoui tief beeindruckt und schließlich zu «Orbo Novo» inspiriert. Ihre Worte wurzeln in ihrer Wahrnehmung sich auflösender physischer Grenzen und unser aller innerer Dualität. Hier sind die...