John Neumeier: «Lieder der Nacht»

in Hamburg

Niemand schaut in den Mond. Wenn das Ballett beginnt, sehen sich alle Beteiligten an. Keine Bewegung, nichts. Anna Polikarpova ist es, die als Erste den lähmenden Bann durchbricht. Langsam, unendlich langsam bückt sie sich und greift zu der Tasse, die auf dem Boden der Bühne steht – und wie vom Duft des Kaffees animiert, beginnen die «Nocturnes» zu tanzen – zaghaft zunächst, für den Zuschauer kaum sichtbar, im weiteren Verlauf aber mit wachsender Intensität: als suchten die zehn Tänzer und Tänzerinnen immer verzweifelter nach der verlorenen Zeit.

Ein letztes Mal deuten sich Beziehungen an. Sehnsüchte leben sich aus. Und im «Schatten junger Mädchenblüte» werden für ein paar Sekunden zwischen Silvia Azzoni und Lloyd Riggins Gefühle offenbar, wie sie sie nur ein Marcel Proust hat beschreiben können.
John Neumeier dachte bei seinem Chopin-Ballett eher an Tschechow, dessen Definition der Nacht mit der seinen korrespondiert. Auch er, ein erklärter Nachtmensch, interpretiert sie als ein «Schnittpunkt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft» und zieht daraus für seine Choreografie den Schluss, «dass die Figuren in ihren sehr unterschiedlichen Beziehungen nicht eindeutig im Jetzt ...

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Tanz Januar 2006
Rubrik: On Stage, Seite 42
von Hartmut Regitz

Vergriffen