Neuchâtel On Tour: «Celui qui tombe»

Yoann Bourgeois: «Celui qui tombe»

Tanz - Logo

In Angelin Preljocajs Meisterwerk «Le Parc» gibt es einen magischen Moment: Eine Tänzerin tritt sacht auf ihr männliches Gegenüber zu, legt ihm die Hände in den Nacken – und der Tänzer beginnt sich zu drehen, schnell und immer schneller, bis die Auftriebskraft die Frau in ein Wesen verwandelt, das horizontal in der Luft zu schweben scheint. Yoann Bourgeois’ «Celui qui tombe», zuletzt beim Festival «Tanz im August» im Haus der Berliner Festspiele präsentiert, verdreifacht diesen Anblick und gibt ihm zugleich eine ganz andere Note.

Drei Frauen schlingen hier die Arme um Männerhälse, aber es wird kein inbrünstiges Bild, kein beschwingter Flug daraus. Nicht die Halt gebenden Tänzer kreiseln, sondern der Boden unter ihnen rotiert, in immer wahnwitzigerem Tempo. Das Sextett muss elementaren Gewalten die Stirn bieten, immensen Fliehkräften trotzen. Andernfalls würde es von der Scheibe stürzen, in den Abgrund trudeln, in die Finsternis rund herum.

«Celui qui tombe» besitzt beides: den sinnlichen Reiz einer schönen Oberfläche und die existenzielle Botschaft, dass wir in einem Zeitalter der Krisen und Katastrophen leben und doch nur wahrnehmen – für wahr nehmen –, was wir wissen wollen. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Oktober 2016
Rubrik: Kalender und Kritik, Seite 46
von Dorion Weickmann

Weitere Beiträge
Nicht schlafen

Eine Mischung aus perversem Interesse an gestörtem Verhalten und Empathie mit den Betroffenen sei es gewesen, die ihn als Heilpädagogen faszinierte, gab Alain Platel einmal im Gespräch mit der Dramaturgin Renate Klett zu Protokoll. In den mehr als 30 Jahren seines Choreografen-Daseins haben sich die Anteile bei dem Menschenversteher aus Gent allerdings verschoben:...

Lost in Dhaka

Von den Barrieren, Zäunen, Mauern, an denen man sich im Leben immer mal den Kopf einrennt, wenn nicht noch mehr, ist die Grenze zwischen Männern und Frauen eine der populärsten. Von der Pein, wenn diese mitten durch einen einzigen Menschen hindurchläuft, können Transidente berichten. Meist liegen diverse Kämpfe hinter ihnen, bevor sie ein ihnen gemäßes Leben...

Hamburg

Über dem Graben liegt eine kreisrunde Scheibe, und das Orchester sitzt auf der Bühne. Ein junger Mann in Weiß kommt aus dem Zuschauerraum dazu, tippt zögernd auf die leere Spielfläche, als wäre es brüchiges Eis. Allmählich erobert er sich seine Bühne, andere junge Männer in cremefarbenen zeremoniellen Röcken (gestaltet von Albert Kriemler) gesellen sich zu ihm –...