München: Spartacus

Yuri Grigorovich «Spartacus»

Pomp, Pose, Pathos: Yuri Grigorovichs Version des Balletts «Spartacus» staffiert den Heldenmythos mit all jenen Zutaten aus, die Publikumswirksamkeit garantieren und den Vorgaben des sozialistischen Realismus genügen, die der Choreograf gern übererfüllte (vgl. auch tanz 1/17). Pomp, den schuf Grigorovichs Ausstatter mit martialisch zugerichteten Kämpfern: Schwert im Anschlag, Schild vor der Brust, todesmutig im Pulk marschierend wie in einem Historienschinken in Cinemascope. Pathos liefert, jazzig synkopiert, die mächtige Klangkulisse von Aram Chatschaturjan.

Ebenfalls für Pathos, verstärkt durch Pose, sind die Tänzer zuständig in diesem Männerballett, das doch recht eigentlich ein Kammerspiel ist. Zwei höchst gegensätzliche Paare treffen aufeinander (freilich mit den buntfransigen Proselyten des einen und der kriegerischen Phalanx des anderen im Rücken): Als da sind der edelmütige Spartacus und seine ewig barmende Phrygia, der lüsterne Crassus und seine liederliche Buhle Aegina.

1968 hatte Grigorovichs «Spartacus» Premiere, während im Westen die Studenten auf die Barrikaden gingen und Leonid Breschnew den eisernen Kurs der Sowjetunion diktierte. Da passte der schon von Karl Marx als Held aller Unterdrückten gepriesene römische Gladiator Spartacus als Verkörperung sozialistischen Kampfesmuts gut ins Konzept. Spartacus führte als Sklave einen Aufstand gegen den dekadenten Römer Crassus an, welcher seine Lüste ungehemmt auf dem Rücken seiner Untergebenen auslebte, am Ende den Aufrührer dank einer List besiegte und samt dessen Mannen töten ließ. Dafür lebte Spartacus unsterblich im Gedächtnis der folgenden Generationen fort. Und bei Grigorovich wieder auf.

Das Publikum feierte bestimmt nicht den linientreuen Sowjet-Choreografen, als es sich bei der Premiere zu Standing Ovations erhob. Es feierte den greisen, aber noch kreglen Schöpfer einer gewaltigen Sandalen-Heldensaga, als wäre er selbst ein Held. Igor Zelensky kann sich herzlich mitfreuen. Seine Rechnung ist schon nach 100 Tagen als Direktor des Bayerischen Staatsballetts aufgegangen. Er hat das Ensemble auf ein Ziel eingeschworen und nach Kräften motiviert. Das Ergebnis: Die Tänzer und Tänzerinnen tanzen so gut wie nie. In ihren Reihen glänzen künftige Stars wie das Pirouettenwunder Osiel Gouneo in der Titelrolle und die herzzerreißend barmende Ivy Amista als Phrygia. Verstärkt wurde die Kompanie durch zwei ständige Gäste aus dem Tänzerolymp: Sergei Polunin und Natalia Osipova als grimmig grimassierender Crassus und seine schlangengleich verführerische Kurtisane Phrygia.

Das Schlussbild aber gehört dem toten Spartacus, ist Klimax von Grigorovichs dick aufgetragener Schwarz-Weiß-Malerei. Endlich sind in diesem Männerballett die Frauen dran. Sie recken, im Kreis in Rückenansicht nah beieinander stehend, ihre Arme hoch. Ihr offenes Langhaar und der Stoff ihrer fließenden Gewänder ergießen sich zum Sockelrund. Oben ruht aufgebahrt Phrygia, darüber posiert Spartacus – Held unter roter Fahne.

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tanz_02_2017

Tanz Februar 2017
Rubrik: Kalender und Kritik, Seite 38
von Eva-Elisabeth Fischer