Christine Joy Alpuerto Ritter

Vom Hip-Hop switcht sie zum Ballett, vom philippinischen Volkstanz zum kalifornischen Krumping: Binnen sechs Minuten schafft sie eine Zeit- und Weltreise des Tanzes

Die meisten Leute lernen die Choreografien von Michael Jackson wahrscheinlich durch Abschauen bei YouTube. Und deshalb seitenverkehrt, also falsch herum. Den wenigsten fällt das auf. Christine Joy Alpuerto Ritter ist es aufgefallen. Auch sie hat Jacksons Moves als Kind von Clips gelernt. Und – das nur nebenbei – natürlich geweint, als er starb. Was Zuneigung verrät, aber niemanden dafür qualifiziert, zum Cast der «Michael Jackson Immortal World Tour» des Cirque du Soleil zu gehören.

Die Auswahlverfahren gleichen einer Lotterie, an der ohnehin nur die Besten der Besten teilnehmen. Joy Ritter hat Glück, damals im Jahr 2011. Also tanzt sie die Jackson-Schritte (richtig herum) in einer Show mit Mega-Dimension: 200 Vorstellungen, 42 Männer, acht Frauen, ein Team.

Einmal fällt Joy kopfüber von der Bühne, bleibt hängen und wird von einem Artisten wieder nach oben gehievt. In Hollywood wohnt sie mit den drei Jackson-Kindern der TCL Chinese Theatre Handprints Ceremony bei, ihre Familie fällt bei dem via Fernsehen übertragenen Anblick fast vom Hocker. In der Freizeit nimmt sie bei Tour-Mitstreitern Gesangs- und Pole-Dance-Unterricht – und fliegt heimlich zu einer Audition von Akram Khan.

Von L.A. nach Freiburg

Der Cirque du Soleil war die bislang einzige Station, die Christine Joy Alpuerto Ritter in ihrem atemberaubend vielseitigen Künstlerinnenleben eher zum Zeitvertreib angesteuert hat. Damals hielt sie sich bei ihrer Familie in Los Angeles auf, wo sie 1982 geboren wurde, und begleitete ihren damaligen Freund zu einer Audition nach Las Vegas. Sie wurde genommen. Und winkte zum Entsetzen der Familie ab, obwohl es sich um das erste finanziell lukrative Engagement überhaupt handelte. Aber ihr fehlte darin: die Kunst. Die Agentur meldete sich trotzdem wieder. Diesmal ging es um eine Kreation, nicht um eine fertige Nummer. Und eben um Michael Jackson. Die Tänzerin sagte zu.

Wählerisch war Christine Joy Alpuerto Ritter bis dahin nicht gewesen, wählerisch waren eher die anderen. Jahrelang hatte sie in der Freiburger Ballettschule von Armin Krain trainiert. Ins Breisgau war sie im Alter von vier Jahren mit ihrer philippinischen Mutter und dem Stiefvater gezogen. Damals wollte sie Ballerina werden, fand – zum Leidwesen ihres väterlich-engagierten Ballettlehrers – aber auch Basketball toll. Mit 14 Jahren trat sie beim Prix de Lausanne an: «Ich habe nur geheult, so gut waren die anderen.» Eine Niederlage, aber auch ein Ansporn. «Arschtritt», sagt sie. Dann kam das Vortanzen bei den Ballettschulen: Béjart, Neumeier, Cranko standen auf ihrer Liste, also wieder Lausanne, dazu Hamburg und Stuttgart. Technisch war sie gut – die Beine perfekt, der Hals aber zu kurz. Oder lag es doch an der Hautfarbe? Schließlich sagte die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden zu – unter einer Voraussetzung: Fünf Kilo müssen runter. Das war 1999, Joy war 17.

Switchen zwischen den Szenen

Ihr technisches Niveau hätte gereicht, um die vier Jahre Ausbildungszeit auf zwei zu verkürzen. Bislang hatte die Jugendliche nur in dem Kleinstörtchen Wyhl bei Freiburg Diskriminierungserfahrungen gemacht. «Du stinkst.» – «Du hast die Pest.» In Dresden gehörte es nun zum Alltag, angepöbelt zu werden, 15 Jahre vor Pegida. Angespuckt zu werden, kam auch vor. Nachbarschaftliche Nettigkeiten sowieso: «Es haben schon andere Ausländer hier gewohnt, die sind wir auch wieder losgeworden.» Selbst die Ballettlehrer waren teils noch vom alten Schlag. Wer gut sein will, muss fertiggemacht werden.

Vielleicht ist Christine Joy Alpuerto Ritter auch wegen Dresden diejenige geworden, die sie heute ist. Um Schule und Stadt zu überleben, tritt die Tanzschülerin, die jetzt «Joy» genannt werden will, die Flucht in die Hip-Hop-Clubs an. Dort tanzt sie sich frei. Zwei bis drei Stunden Schlaf müssen reichen. So beginnt das Switchen zwischen den Szenen, das sie heute in einer Perfektion beherrscht, die ihr keine so schnell nachmacht. Vier Premieren inklusive Mitarbeit an Stückentwicklung und einer eigenen Choreografie, all das hat sie 2016 schon bewältigt: Akram Khans Mahabharata-Kammerspiel «Until the Lions» (tanz 4/16), die Urban Dance Show «Beethoven! The Next Level», das von Hip-Hop, Martial Arts und Urban Street Dance geprägte «Everyness» von Wang Ramirez, das Solo «Babae» für das «Witch Dance Project» des Berliner Choreografen Christoph Winkler. Zudem übernimmt sie den Part einer anderen Tänzerin in «Borderline», ebenfalls von Wang Ramirez.

Bei Khan tanzt sie mit elementarer, fast animalischer Energie die Metamorphose einer Frau zum Mann, in «Everyness» schnelle, poetisch-verfahrene Beziehungskonstellationen, in «Babae» verbindet sie Mary Wigmans berühmtes Ausdruckstanz-Solo «Hexentanz» mit Elementen aus Voguing, zeitgenössischem und traditionellem philippinischen Tanz, den sie von ihrer Mutter lernte. Wenn sie nicht probt und nicht tourt, geht sie daheim in Berlin in Jugendclubs wie «KMAntenne» oder «Grenzallee», um Hip-Hop zu improvisieren und mit der Szene in Kontakt zu bleiben, der sie sich emotional stark verbunden fühlt. Schließlich hat sie sich dort mit Battle-Erfolgen einen Namen gemacht. Yoga und Joggen gehören außerdem zum Programm.

Blitzartige Bewegung

Wie macht sie das alles? Jedes der Stücke, das sie tanzt, ist extrem anspruchsvoll, jedes sitzt perfekt. Oftmals reiht sie dabei kurze, sehr komplexe und körperlich fordernde Phrasen in so schnellen Wechseln aneinander, dass es sich kaum notieren lässt. Bewegungen, die wie Neuronen blitzen und so fix angesteuert werden, dass es unmöglich ist, die Machart nachzuvollziehen. Und überall sind Schaltstellen zu anderen Moves eingebaut. «Ich merke mir Bewegungen wie eine Melodie», sagt sie, und singt drei stark rhythmisierte Melodien an, um dazu Bewegungen anzudeuten.

Ein Stück, in dem sie die unterschiedlichen Marker, die ihr Können beeinflusst haben, kaleidoskopisch überblendet, ist «Saal A» von Christoph Winkler aus dem Jahr 2008. «Du bist so vollgepumpt mit Stilen», sagt damals der Choreograf, «daraus müssen wir was machen.» Das Stück bündelt drei Tänzer-Biografien, und Ritter wechselt darin in einem sechsminütigen Solo gefühlt einhundertmal den Bewegungsstil: aus Hip-Hop-Armen werden klassische Port de bras, posenhaftes Clip-Dancing schmilzt dahin, Michael Jacksons Moves scheinen sich Shiva anzuverwandeln, folkloristische Elemente bekommen Tanztheaterdramatik, wirbelnde Krumping-Gebärden mutieren zu geometrischem Tutting und umgekehrt. Es ist eine Zeit- und Weltreise des Tanzes im Minutenformat.

Introvertierte Expressivität

Christoph Winkler war für Joy Ritter eine Tür zum Tanz. Wie für viele andere Tänzer auch. Nach der Ausbildung fuhr sie von Audition zu Audition – umsonst. Für Winkler reichten 20 Minuten Vortanzen, um sicher zu sein, dass er sie nicht wieder ziehen lassen würde. «Joy war sehr lange bei mir», erinnert er sich, «und hat auch einige stilistische Wechsel mitgemacht, zum Beispiel von eher bewegungsorientierten zu sprachbasierten Stücken. Nach den ersten ein, zwei Stücken hat sie Hip-Hop integriert, und ich habe darauf mit Produktionen reagiert.» Gemeinsam haben sie «Tales of the Funky» und «Routines» gemacht, «Saal A» bildete den Abschluss dieser Serie. «In diesen Stücken», sagt Winkler, «hat sie getanzt, gesprochen, gesungen und viel improvisiert. Sie ist eigentlich ein Allrounder und hat vor allem auch komisches Talent. Ich erinnere mich da an wunderbare Impros mit Peter Trabner», dem Performancekünstler und Schauspieler.

Christine Joy Alpuerto Ritter spricht mit Bewunderung von ihren Kollegen, und umgekehrt ist es genauso. «Technisch auf so einem hohen Level, aber auch so ein freier Mensch. Und so bescheiden! Sie ist einer der bescheidensten Menschen, die ich kenne», sagt Mother Leo Melody aka Georgina Philp, die Gründerin des ersten Voguing House in Deutschland. Davor hat sie die aufsehenerregende Girlgroup Kill Bill initiiert, in der auch Freundin Joy Mitglied war.

Mit besagter Bescheidenheit hat es etwas Besonderes auf sich. Denn im persönlichen Umgang fällt sie sofort und angenehm auf. Vielleicht, weil es eine Weile braucht, bis Christine Joy Alpuerto Ritter selbst auffällt. Man muss sich an- und einsaugen lassen von ihrer introvertierten Expressivität. Das hat nun auch die Jury des British National Dance Award festgestellt, die sie für ihren Part in Khans «Until the Lions» in der Kategorie «outstanding female performance (modern)» nominiert hat. Mit Akram Khan, in dessen «Sacre du printemps»-Bearbeitung «iTMOi» (2013) sie ebenso tanzt wie in der Gruppenversion seines berühmten Kathak-Solos «Kaash» (2014), hat sie einen kongenialen Choreografen gefunden. Weil sich in der Arbeit mit ihm konzentriert, was davor auf verschiedene Produktionen, Schauplätze, Kooperationen verstreut war: Energie und respektvoller Austausch, charakterstarke Rollen, virtuose Musikalität, tänzerische Narrative, eine komplexe und trotzdem zugängliche Tanz- und Bühnensprache, körperliche und mentale Herausforderungen. Für Khan ist sie «eine Tänzerin, die denkt, nicht andersherum. Eine Künstlerin mit einer extrem intelligenten kreativen Energie, die genauso fähig ist, sich anzupassen wie sich einzubringen».

Bis zum Exzess

Als bis dato schwierigste Rolle bezeichnet Joy Ritter ihre Partie in «iTMOi», wo sie eine Priester-Adjutantin tanzt, die sich körperlich, vor allem aber mental so düsteren wie wirksamen Energien aussetzt. Das ging, sagt sie, nur, weil sie nachts «happy Filme» guckte. Aber die Auseinandersetzung mit dem Unheimlichen passt durchaus zu dieser Performerin, zu ihrer tigerhaften Eleganz und der faszinierenden Kombination aus zurückhaltender Präsenz und körperlichem Exzess.

Ritter besitzt – und sie geht damit vermutlich zu verschwenderisch um – die Energie von Menschen, die noch nie faul gewesen sind. Die es kaum Überwindung kostet, neue Aufgaben anzugehen, im Gegenteil: Jede Herausforderung begeistert sie. «Arschtritte» findet sie gut. Sogar, wenn Akram Khan am Tag vor der Premiere ihr ganzes Solo ändert und sie denkt: «Das schaffe ich nie!» Doch. Sie schafft es. Und sie schafft es auch, in den vollen Tournee-Plan 2016 irgendwie Zeit für ihr Solo «Babae» einzuplanen. Mehr und mehr und immer noch mehr – hat sie dazu überhaupt Lust? Es funkelt in ihren Augen.

Mit Akram Khans «Until the Lions» ist sie auf Tour: in Luxemburg, Les Théâtres de la Ville, 20., 21. Jan.; Angers, Le Quai, 16. Febr.;
weitere Termine: akramkhancompany.net


Tanz Januar 2017
Rubrik: Menschen, Seite 26
von Astrid Kaminski