Brüllen wie die Tiere

59. Festival d’Avignon. Am Eröffnungstag sitzt der Kulturminister ganz vorn im Ehrenhof des Palais des Papes, um sich den neuen Fabre anzusehen. Die seit zwei Jahren gegen den Abbau ihrer Arbeitslosenversicherung protestierenden Künstler haben Karten für die hintersten Ränge ergattert, rufen von dort: «Minister raus!» Er geht nicht. Die Protestler brüllen weiter. Fabre und Festivalleitung bitten, jetzt doch die Künstler sich ausdrücken zu lassen. Und was machen die? Brüllen.

«L’histoire des larmes» beginnt, nach ein paar Harfenklängen, mit Babygeschrei aus neun trainierten Kehlen. Das Protestbrüllen von hinten geht larmoyant unter. Von diesem Fiasko erholen sich die um ihre Rechte kämpfenden Intermittents, die vor zwei Jahren das Festival an den Rand des Abgrunds brachten, nicht mehr. Es war ihr erster und letzter Nadelstich.
Alle freuen sich, dass das Festival wieder Charakter hat, in diesem Jahr einen flämischen. Und alle langweilen sich in Flanderns Aufführungen. Fabre lässt die «Babys» schreien, bis die andere Hälfte, deren Eltern spielend, mit Kissen und Füßen und anderen Schlägen um Ruhe kämpft. Als diese endlich eintritt, offeriert er das Unerwartete: erbauliches ...

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Tanz Oktober 2005
Rubrik: Magazin, Seite 14
von Thomas Hahn

Vergriffen