Ludica: «The Corner»

Aarhus

Wir wären gern drin, mittendrin. Denn drinnen geht’s ab: Die Menschen grölen, jubeln, lachen. Eine E-Gitarre jault. Ein Mann (er muss ein Star sein!) redet mit dem Publikum, das auf jedes seiner Worte enthusiastisch reagiert. Man meint die schweiß- und bühnennebel-getränkte Luft zu atmen, sieht sich selbst im bläulichen Licht des Konzertraums in der unruhigen Menge baden, hört sich kreischen, Biergeschmack auf der Zunge – Reizüberflutung, hochgepeitschte Emotionen, überwältigende Akustik ... Nichts da. Wir sind draußen.

Sitzen mucksmäuschenstill auf unseren Theaterstühlen, vor uns ein aseptisch weißer Raum, keine Requisiten. Nur wenn die Projektion einer Tür sich quietschend öffnet, dringt der Lärm des Rock-Konzerts zu uns. Man hört das Johlen, die Musik – dann schlägt die Tür krachend zu. Wir gehören nicht dazu, sind die Lauscher an der Tür, sind: Außenseiter.
«The Corner», uraufgeführt im tanzhaus nrw von der Düsseldorfer Gruppe Ludica, widmet sich den Eckstehern und Randständigen, die für eine Gesellschaft unabdingbar sind. Der Außenseiter – in der Realität ist er meist einfach der Unsichtbare. Die Theorie verklärt ihn gern zum wahren Rebellen einer Gesellschaft. Ludica greift in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Juni 2009
Rubrik: Der Kalender, Seite 46
von Nicole Strecker

Vergriffen
Weitere Beiträge
Wider die pastorale Betulichkeit

Revolutionär war «La fille mal gardée» bei der Uraufführung 1789 in Bordeaux, zwei Wochen vor dem Sturm auf die Bastille, weil statt mythologischer Heroen bürgerliche Normalos auf der Bühne standen und im Liebeskampf die Armen für sich gewannen. In Cottbus raubt Dirk Neumann der alten Dame die pastorale Betulichkeit und holt sie mit den acht Tänzern seines...

Zugvögel

Freiheit so fühlt sich dieser Tanz an. Mit Macht treibt er voran, strömt auf die Bühne wie angesogen von der ersehnten Aussicht, taumelt weiter, schneller, schwindelerregend, immer näher an den endlosen Himmel heran. Leidenschaftlich werfen die Tänzer ihre Arme und Beine in die Luft, als wären es Flügel und sie könnten sich in die Luft schwingen und das Dach des...

Millepied, Soto, Forsythe: «In the Mood»

Waltet im zeitgenössischen Ballett eher Traditions-Euphorie oder Traditions-Skepsis? Da ist der Renommier-Choreograf, der sich vor einem halben Jahrhundert intensiv mit dem Neoklassizismus von George Balanchine beschäftigte, um dessen Material zu dekonstruieren und perspektivisch zu multiplizieren, es mit philosophischem Know-how in die neue Unübersichtlichkeit der...