Das Echo der Utopien

Eintracht, Zwietracht oder schiere Gleichgültigkeit? Das wechselhafte Verhältnis von Tanz, Politik und Gesellschaft beleuchtet die sehenswerte Jahresausstellung des Kölner Tanzmuseums

Alois Hundhammer war das, was der Bayer ein gestandenes Mannsbild nennt. Bärtig und kantig, der verblichenen Monarchie so treu ergeben wie dem Papst in Rom, bekleidete er seit 1946 gleichsam das Amt des obersten Moralapostels im Freistaat. Hundhammer regierte das Ministerium für Unterricht und Kultus und sah sich bald mit einer unerhörten Provokation konfrontiert. Die hieß «Abraxas», wurde von zwei Künstlern – dem Choreografen Marcel Luipart und dem Komponisten Werner Egk – auf die Bühne gewuchtet und als «Faust-Ballett» ausgewiesen. Das 3.

Bild – orgiastisches Treiben auf dem Blocksberg – empörte den Beamten derart, dass er zum Exorzismus schritt und die «auf Staatskosten» aufgeführte «Satans-Messe» aus dem Theater vertrieb. Der murrenden Öffentlichkeit teilte Hundhammer mit: «Kann der bayerische Kultusminister dieses Verbot verantworten? Ja, ich verantworte dieses Verbot vor der Geschichte und vor der Kultur.» Amen.

Selten gerieten Tanz und Politik so heftig aneinander wie beim «Abraxas»-Skandal von 1949. Selten auch war die Rechtslage so eindeutig, denn Artikel 108 der bayerischen Verfassung garantierte die Freiheit der Kunst ohne Wenn und Aber. Trotzdem hatte Hundhammer nichts ...

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Tanz Dezember 2015
Rubrik: Traditionen, Seite 54
von Dorion Weickmann