Kassel: Helder Seabra, Johannes Wieland «Morgendämmerung»

Tanz - Logo

Ein zarter Titel für zwei massive und kraftstrotzende Stücke: «morgendämmerung» steht über den Choreografien des Portugiesen Helder Seabra und des Kasseler Tanzchefs Johannes Wieland im Opernhaus. Seabras rund einstündiges «Röntgen» wärmt die Bühne vor, fährt die Energie hoch, obwohl es in spiegelblankem, kühlem Ambiente stattfindet. Dann lässt  Wielands etwa 40-minütiges «stück ohne titel» die Körper rasen und fliegen. Oder sich an Ziegelsteinen abarbeiten, bis die erdfarbenen Brocken nach allen Seiten spritzen.

Der Abend fügt sich gut, baut Wucht auf.

Seabra beginnt mit vereinzelten, auf dem glänzenden Boden sich windenden und verknotenden Körpern. In Plexiglas-Kabinen werden die Akteure von Kollegen langsam in schlichte grau- und eisblaue Hemden, Shirts, Anzüge (Kostüme für beide Stücke: Evelyn Schönwald) eingekleidet. So könnten sie ins Büro gehen. Aber wenigstens einige von ihnen scheinen Roboter zu sein. Floskeln und Standardbewegungen wurden ihnen einprogrammiert, aber schon gibt es ein «Problem», schon wird ein menschliches Gefühl wie «Angst» artikuliert. Und schon geraten die Dinge aus den Fugen.

Meint man zuerst, Menschen und Maschinen auseinanderhalten zu können, so ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Juni 2018
Rubrik: Kritik 6/18, Seite 43
von Silvia Staude

Weitere Beiträge
Meister der Abstraktion

Das Werk des Tänzers und Choreografen Gerhard Bohner wird derzeit – zumindest in Teilen – wiederbelebt. In diesem Jahr wurden mit Unterstützung des TANZFONDS ERBE seine beiden letzten Stücke rekonstruiert. Das eindringliche «Angst und Geometrie», uraufgeführt 1990 im Berliner Hebbel-Theater, ist am Theater Bielefeld wieder zu sehen. Der Titel  charakterisiert im...

Angst und Geometrie

Die Vergangenheit könnte die Zukunft, das Gestern auch das Morgen sein. Im Science-Fiction-Genre sind solche verwirrenden Gedankenspiele längst bewährter Hirn-Thrill, und dank des eigenwilligen Verständnisses eines TANZFONDS ERBE-Projektes stürzt nun auch die Bewegungssparte durch ein Wurmloch im Tanzall. In Bielefeld ließ man sich von  der seit jeher...

Oslo: Dancing with Bergman

Er war kein Tänzer. Er hat nicht choreografiert. Auch wäre es ihm nie eingefallen, ein Ballettlibretto zu verfassen. Aber der Einfluss von Ingmar Bergman auf die Tanz- und Theaterszene Skandinaviens lässt sich nicht leugnen und ist in vielerlei Hinsicht noch immer spürbar: mit ein Grund für PIAS, Productions Internationals Albert Sarfati, dem umstrittenen, stets...