london: Liam Scarlett: «Hansel and Gretel»

Er ist noch keine dreißig, und deshalb macht Liam Scarlett erst mal die Probe aufs Exempel. Doch selbst ein Ballett wie «Hansel and Gretel» ist kein Kinderspiel, auch wenn das der Titel vermuten lässt. Vielmehr handelt es sich bei der abendfüllenden Uraufführung um eine Auftragsarbeit, und sie findet nicht ohne Grund im Linbury Studio Theatre statt. Das nämlich befindet sich unterhalb des eigentlichen Opernhauses und ist als Black Box wie geschaffen, um das Abgründige der menschlichen Psyche auf physische Weise erfahrbar zu machen.

Scarlett erzählt schließlich kein Märchen à la Brüder Grimm oder Engelbert Humperdinck. Hansel und Gretel sind vielmehr hineingeboren in ein amerikanisches Familiendrama der 1950er- Jahre, das so gar nichts Fantastisches mehr hat. Die verstorbene Mutter: Hier ist sie nur noch eine Bild gewordene Erinnerung, während der Vater seinen ganzen Frust, vielleicht auch seine Trauer im Alkohol ersäuft. Kein Wunder, wenn seine Kinder dieser Versagerwelt zu entrinnen suchen.

Der Sandmann kommt ihnen dabei gerade recht. Dem Kühlschrank entsteigend, gleicht er Charlie McCarthy bis aufs gelackte Haar. Die Bauchrednerpuppe, in so vielen amerikanischen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Januar 2014
Rubrik: kalender und kritik, Seite 47
von Hartmut Regitz