Jenseits

Wie symmetrisch sind Körper wirklich? Jess Curtis und Maria Francesca Scaroni über ihr «Symmetry Project»

Kein menschlicher Körper ist wirklich symmetrisch. Sind zwei Beine gleich? Ist ein Arm nicht etwas länger? Ist Symmetrie nur ein Ideal? In der Architektur und im Ballett sorgt sie deshalb für den Eindruck von Harmonie, weil man von Symmetrie in jeder Beziehung zwischen zwei Menschen träumt. Doch wie symmetrisch ist eine Ehe, wie symmetrisch sind zwei Körper wirklich? Die Frage stellen sich der in Berlin und San Francisco lebende Jess Curtis und seine Partnerin Maria Francesca Scaroni.

Natürlich kennen sie die antike Fabel, dass der Mensch einst beides war, Mann und Frau. Und Götterzorn das Wesen mit acht Gliedern in der Mitte durchschlug, damit es fortan nach der anderen Hälfte suchen muss. Symmetrie ist seither auch eine politische Idee: der Gleichberechtigung, des Friedens, des sozialen Ausgleichs.
In The Symmetry Project improvisieren die beiden ein Wesen, das eine «Über-Intimität» sucht, die das jeweilige Ich verliert. Auch das ist ein Ideal: die Ekstase als Eins-Werden. Jess Curtis tabuisiert nichts. Der Traum von Gleichheit und der Traum der Lust sind identisch. Im Duo wird jede Moral, die der Idee der Symmetrie zuwider läuft, ausgespart. Was bei diesem intimen Tanz ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Juni 2009
Rubrik: Jenseits, Seite 74
von

Vergriffen
Weitere Beiträge
Salia nï Seydou: «Poussières de sang»

Salia Sanou und Seydou Boro gehören zu den Aushängeschildern eines zeitgenössischen afrikanischen Tanzes, den es, glaubt man Germaine Acogny im Senegal, gar nicht gibt.

Das z-Adjektiv steht in Afrika vor allem für «europäischen» Tanz. Aber was wäre die Kompanie Salia nï Seydou, hätten die beiden nicht vor 16 Jahren in Montpellier bei Mathilde Monnier ihre ersten...

Henrietta Horn: «Schimmer»

Sie ist Anfang vierzig und sie hat vor einigen Monaten ihren Chefposten geschmissen. Neun Jahre lang war Henrietta Horn Leiterin des Folkwang Tanzstudios in Essen. Auf dem Papier hat sie sich den Job zwar mit Pina Bausch geteilt, aber die half dem FTS nur mit respektgebietendem Namen. Henrietta Horn wollte die Verantwortung für andere, jüngere Tänzer nicht mehr. Zu...

Ludica: «The Corner»

Wir wären gern drin, mittendrin. Denn drinnen geht’s ab: Die Menschen grölen, jubeln, lachen. Eine E-Gitarre jault. Ein Mann (er muss ein Star sein!) redet mit dem Publikum, das auf jedes seiner Worte enthusiastisch reagiert. Man meint die schweiß- und bühnennebel-getränkte Luft zu atmen, sieht sich selbst im bläulichen Licht des Konzertraums in der unruhigen Menge...