Human Writes

William Forsythe erfindet in Zürich eine Tanzschrift für die Menschenrechte und macht sich dabei die Füße schmutzig. «Human Writes» sah Martina Wohlthat

Das rechte Ohrläppchen des Choreografen ist pechschwarz. Seine Füße sehen aus, als wären sie ausdauernd über eine Kohlenhalde spaziert. Eine Frau aus dem Publikum trägt mit Forsythe einen seltsamen Ringkampf aus. Sie soll seine windmühlenartig kreisenden Arme gegen einen unsichtbaren Widerstand auf den Tisch lenken, damit Forsythe mit einem Kohlestück den Buchstaben «R» aus «freedom» oder «right» aufs Papier bringen kann. Ob gerade «Recht» oder«Freiheit» geschrieben wird, ist im Moment egal. Vorläufig setzt es nur schwungvolle Hiebe auf das den Tisch bedeckende Papier.


Unter dem Tisch sieht es aus wie in einem Kohlenkeller. Und auch die Helferin ist vom Ringen um den Buchstaben im Gesicht schon leicht geschwärzt. Vielleicht lässt sich das «R» doch besser mit dem Rücken schreiben? Wie ein Aal windet sich Forsythe auf der Tischplatte, verwischt mit dem Rücken die gerade mühevoll erkämpften schwarzen Striche. Ein zäher Kampf ist dieser Schreib-Tanz-Akt. Sisyphos ist in der Schiffbau-Halle in Zürich unter die Tänzer und Menschenrechts-Skribenten gegangen. Sisyphos muss dabei in der dem Zürcher Schauspielhaus als Spielstätte fürs Spektakuläre dienenden Riesenhalle gar keinen Felsblock ...

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Tanz Dezember 2005
Rubrik: Tanz-Kunst, Seite 60
von Martina Wohlthat

Vergriffen
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