lust auf tragödie

Emotionen sind die Leitwährung unserer Gegenwart, im Alltag wie in der Kunst. Warum ist das so, und was folgt daraus?

«Wow, diese Szene war echt stark, richtig ekelhaft!» – «Ja, schrecklich – mir ist schon vom Zusehen schlecht geworden.» Ein Gespräch, aufgeschnappt im Haus der Berliner Festspiele beim Festival «Foreign Affairs 2015», am Rand der 24-Stunden-Performance «Mount Olympus» von Jan Fabre/Troubleyn. Die Gesprächspartnerinnen scheinen ihren Ekel und ihren Schrecken durchaus genussvoll zu kultivieren.

Zur Belohnung fürs – vermeintlich – große Gefühl gönnt man sich erst mal einen Weißwein an der Bar, bevor es gestärkt wieder zurückgeht ins Parkett, auf der Suche nach dem nächsten intensiven Moment, der großen Geste, dem überwältigenden Bild, der beklemmenden Stille.

Anlass der Foyer-Unterhaltung war eine orgiastisch-gewalttätige Szene, in der eine Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern mit rohen Fleischstücken gespielt und getanzt, die Brocken in den Mund genommen und über die Bühne getragen hatte, wie es Hunde oder Raubkatzen tun. Man wälzte sich in den Fleischstücken, schleuderte sie herum, bis überall Rohes und Blut klebte, an den ehemals weißen Hosen, Bustiers und Röcken der Akteure, an ihren Händen und ihrer Haut ebenso wie am Boden. «To glorify the cult of tragedy» – unter dieses Motto ...

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Tanz Jahrbuch 2015
Rubrik: Gefühle, Affekte, Emotionen, Seite 49
von Doris Kolesch