fall-studien
Ein guter Jongleur muss zwischendrin auch mal ein paar Bälle fallen lassen. Andernfalls sähe es so aus, als ginge er nicht an seine Grenzen. Im Zirkus werden Scheitern und Fallen bewusst in die Dramaturgie der Akrobatik integriert, um den Nervenkitzel zu steigern. Das Publikum rings um die Arena bewundert den Fall als Ausdruck der Gefahr und Vorboten kommender Höchstleistung. Nicht so im Ballett. Dabei wird körperlich hier zuweilen erheblich mehr riskiert. Man nehme nur den Spitzenschuh, der gleichsam die Immanenz des Sturzes zelebriert.
Auf der Spitze balancierend, stößt die Ballerina in eine Welt vor, die vor allem eins nicht kennt, nicht kennen darf: den Fall. Versagt sie, zerbricht das Ideal, und ein Entsetzen rast durch den Saal, wie es sonst nur der Sturz eines Seiltänzers auslöst. Fallen darf höchstens Giselle am Rand des Wahnsinns, also im Rahmen ihrer Rolle.
Dass das Fallen das Gegenteil des Schwebens ist, weiß jeder. Spott ist garantiert, wenn ein Partner beim Ball zu straucheln beginnt. Der Sturz aufs Parkett gleicht einem Offenbarungseid. Zwei Tanzende verstehen einander nicht. Man lacht über sie wie über Stummfilm-Antihelden, deren tragische Stürze höchste Komik ...
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Tanz Juli 2012
Rubrik: produktionen, Seite 16
von Thomas Hahn
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