Tänzer in Teilen

Die Liebesgedichte aus dem Mittelalter waren Gesänge vor dem Fenster der Angebeteten. Die Jungs priesen den Körper der Bewunderten von Kopf bis Fuß. Immer schön der Reihe nach. Von ihrem glänzenden Haar zum lieblichen Gesicht, und Stück für Stück immer weiter hinab, den makellosen Körper entlang bis zum zierlichen Fuß. In der orientalischen Dichtung erscheint der so besungene Körper wie eine Mahlzeit: Dein Busen apfelrund, Deine Haut weiß wie Milch, Deine Beine lang wie die Läufe der Antilope. Man hatte die Geliebte zum Fressen gern und nähme sie am liebsten mit Haut und Haar.



Das chinesische I Ging, das Buch der Weissagungen, sah die Körperteile etwas pragmatischer: «Das Schöpferische wirkt im Haupt, das Empfangende im Bauch, das Erregende im Fuß, das Sanfte in den Schenkeln.» Worauf Tänzer sich stützen, Beine und Fuß, sind auch im Fernen Osten erotisch. Über das Gesicht aber heißt es: «Das Abgründige wirkt im Ohr, der Schein im Auge, das Stillhalten in der Hand, das Heitere im Mund.»

Tanzen, denkt man, findet darum vom Hals erst abwärts statt. In einem Gelände, das Furcht und Begehren zugleich erregt. Seit je zerlegen Tänzer den Körper in Teile. Was sie überhaupt erst tanzen ...

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Tanz August/September 2008
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Redaktion

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