Editorial
Jean-Georges Noverre schäumt vor Wut in seinem VIII. Brief über die Tanzkunst:Der Tanz, ganz und gar zu Hause in der Oper und wie keine andere Kunst begabt, diese wieder glaubwürdig und anrührend zu machen, ausgerechnet der Tanz verkommt in der Hand von Ignoranten zum gefälligen Ornament. Anstatt die erneuernden Kräfte der Bewegung zu nutzen! Man müsse «die Autoren korrigieren; den Tanz mit der Handlung verweben», kurz, Choreografie nicht ungelenk danebenstellen, sondern «endlich die Lücken schließen, die die ganze Opernproduktion beschädigen ...»!
Das war 1760.
Heute? Genug gejammert über die Diskriminierungen der «Stiefsparte Tanz». Man hat sich emanzipiert, wo man kann. Und zu den Träumen, die sich die Choreografen zu erfüllen trauen, gehört auch, wieder, immer noch: die große Oper. Nicht aus falsch verstandener Nostalgie oder Rachegelüsten, sondern aus Verwandtschaftsgründen. Beide, Tanz und Oper, sind, wenn man das großzügig auslegt, audiovisuelle Erzählmedien. Beider Stärken sind Künstlichkeit und Abstraktion. Wer sie verstehen will, muss sich ihnen hingeben. Kein Wortlaut steht im Weg. Dafür verwandelt gute Musik Gefühle und Geschichten in Klang, und Choreografie kann mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Gregor Zöllig «Erste Symphonie von Johannes Brahms»
Kunst macht Arbeit. Und auch Tanz will bewältigt werden. Leo Siberski spricht im Programmheft von einer «Physiognomie des Schaffens». Ihr wollte der Dirigent der «Ersten Symphonie von Johannes Brahms» ebenso...
Márcia Haydée
«Het Zwanenmeer»
Am Schluss formieren sich beim Koninklijk Ballet van Vlaanderen die gefiederten Tänzerinnen um Rothbart zu einem undurchdringlichen Ring. Sein Bann aber ist nicht gebrochen. Schwäne sind es, die den Magier schnäbelnd niedermachen. Tippelnd triumphieren sie in tierischer Gestalt. Die ersehnte Erlösung, die Rückverwandlung in menschliche...
Jaroslaw Jurasz
«Alexis Zorbas»
Unvergesslich die Schlusssequenz aus Michael Cacoyannis’ Film von 1964, in der Alexis Zorbas alias Anthony Quinn den Sirtaki tanzt. Alles hat er nach dem Zusammenbruch seiner Seilbahn verloren, nur nicht seine Lebensfreude. In Halberstadt dampft Jaroslaw Jurasz die 360 Seiten von Nikos Kazantzakis’ Roman auf ihren tanzbaren Extrakt...
