Editorial

Sie bewegt sich doch

Jean-Georges Noverre schäumt vor Wut in seinem VIII. Brief über die Tanzkunst:Der Tanz, ganz und gar zu Hause in der Oper und wie keine andere Kunst begabt, diese wieder glaubwürdig und anrührend zu machen, ausgerechnet der Tanz verkommt in der Hand von Ignoranten zum gefälligen Ornament. Anstatt die erneuernden Kräfte der Bewegung zu nutzen! Man müsse «die Autoren korrigieren; den Tanz mit der Handlung verweben», kurz, Choreografie nicht ungelenk danebenstellen, sondern «endlich die Lücken schließen, die die ganze Opernproduktion beschädigen ...»!

Das war 1760.

Heute? Genug gejammert über die Diskriminierungen der «Stiefsparte Tanz». Man hat sich emanzipiert, wo man kann. Und zu den Träumen, die sich die Choreografen zu erfüllen trauen, gehört auch, wieder, immer noch: die große Oper. Nicht aus falsch verstandener Nostalgie oder Rachegelüsten, sondern aus Verwandtschaftsgründen. Beide, Tanz und Oper, sind, wenn man das großzügig auslegt, audiovisuelle Erzählmedien. Beider Stärken sind Künstlichkeit und Abstraktion. Wer sie verstehen will, muss sich ihnen hingeben. Kein Wortlaut steht im Weg. Dafür verwandelt gute Musik Gefühle und Geschichten in Klang, und Choreografie kann mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz April 2009
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Redaktion

Vergriffen
Weitere Beiträge
Jenseits

Heiner Müller, größter aller DDR-Dramatiker, ließ in seinem gewaltigen Textopus «Anatomie Titus Fall of Rome» – eine Überschreibung von Shakespeares Blut- und Rachedrama «Titus Andronicus» – das Volk im Vorhof des Palastes tanzen. Und schrieb dazu Sätze in bombastischen Lettern wie:
«AUS IHREN NETZEN SCHAUN DIE SPINNEN ZU EIN WENIG TANZEND IN DEM WELLENGANG MIT DEM...

Maillot

In Monte Carlo geht es in den Berg hinein, ins Grimaldi-Forum tief unter den Mittelmeeresspiegel. Hier leitet Jean-Christophe Maillot seit 16 Jahren die Ballets de Monte Carlo. Seine Ballettversion von Gounods «Faust» 2007 gewann den Prix Benois de la Danse, im März 2007 entstand daraus sein Operndebüt am Staatstheater Wiesbaden. Gounod einmal vertanzt, einmal...

Ralf Dörnen: "Endstation Sehnsucht"

Wenn John Cranko noch am Leben wäre, gäbe es vielleicht einen anderen «Othello»  für das Stuttgarter Ballett als den, den John Neumeier ursprünglich für Hamburg schuf. 1973 ging ihm Shakes-peare nicht aus dem Kopf, auch die Musik für das abendfüllende Ballett war schon gefunden: Mehrere Stücke Andrzej Panufniks sollten es sein, dessen Kompositionen drei Jahre zuvor...