Tanz, temperament,tumult - die gefühlte erfindung der demokratie

Wählen müssen zwischen zwei Stars – Fanny Elßler vs. Marie Taglioni – führte seinerzeit noch zu heftigen Keilereien: Pro und Kontra, an dem auch die Kirche tapfer mitmischte. Sie war gegen den Reiz der Wahl. Und gegen den Tanz.

Es war ein unerhörter Skandal, ein «beispielloser Vorgang in den Prunkgemächern der Oper», wie der Chronist Théophile Gautier am 5. November 1838 berichtete: «Es gab Tumult, Aufstand, Bacchanal, eine Schlacht der Fausthiebe gegen frenetische Bravos.» Ehrenwerte Pariser Bürger gerieten handgreiflich aneinander, die Schreckensschreie ihrer Begleiterinnen hallten durchs Parkett, eine panikartige Flucht ließ ganze Heerscharen ruinierter Seidenroben und Maßanzüge zurück.

Was war geschehen?

Der geschäftstüchtige Operndirektor Charles Duponchel hatte sich etwas besonders Durchtriebenes ausgedacht. Seine Startänzerin Marie Taglioni war soeben mit ihrer Entourage nach Russland entschwunden, um am Zarenhof noch mehr Geld zu scheffeln. Sie hinterließ ein klaffendes Loch auf dem Besetzungszettel, das Duponchel jedoch mit zielsicherem Instinkt für Kassenmagneten füllte: Er beförderte kurzerhand die aufstrebende Ballerina Fanny Elßler in den Rang und die Fußstapfen der Taglioni. Im November 1838 gab die blonde Österreicherin ihr Debüt in «La Fille du Danube», einem Ballett, das pikanterweise Filippo Taglioni für seine Tochter Marie konzipiert und eingerichtet hatte.

Duponchels Kalkül schien ...

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Tanz Juni 2007
Rubrik: E_Motion, Seite 12
von Dorion Weickmann

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