Die Hoffnungsträger

Louise Bédard

aus Montréal, eigentlich längst eine Veteranin unter den kanadischen Tänzerinnen und Choreografinnen, hat jüngst mit einem Solo-Auftritt in Catherine Gaudets «Pluton, Acte 1», einer Produktion der choreografischen Plattform «La 2e Porte à gauche», überrascht. Sie beginnt ihren Part mit einem Flüstern, das sich zum Brabbeln eines Kleinkindes und schließlich zu kehligem Stöhnen steigert.

Eindrucksvoll und rückhaltlos gestaltet sie die erwachende Wut und verzweifelte Leidenschaft eines Menschen, der in die surrealen Gefilde einer beginnenden Alzheimer-Demenz schlittert – einer schrecklichen Leere entgegen, in der sich schon die schlichte Begrüßung «Bonjour» zu einer gänzlich verinnerlichten Erlebniswelt auswächst.

Andere Äußerungen erlangen die Intensität einer flammenden Anklage. Dann wieder ruft sie sich in kürzesten Sätzen Erinnerungssplitter aus der eigenen Vergangenheit ins Gedächtnis: Kindheit in Québec, ihre frühe Liebe zu Hunden und Katzen. Mit quälenden Zuckungen im Gesicht und bedrohlich-übertriebenen Betonungen steigert Bédard die von Gaudet erdachte Verbal-Performance zu einer derartigen Intensität, dass Momenten der Stille, von Blicken, ineinandergleitenden Bewegungs- und ...

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Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Die Saison 2015/16, Seite 156
von Philip Szporer

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