der tod und die malerin

Eine in Auschwitz ermordete jüdische Künstlerin als Sujet eines Balletts: Bridget Breiner lässt in Gelsenkirchen Person und Werk der Charlotte Salomon überzeugend auferstehen

Was ist das bloß für ein seltsames Werk? Großartig intensive Bilder in Temperafarben und überwältigender Vielzahl. In die Gouachen hinein sind in krakeliger Schrift Texte gesetzt, wie bei einem Comic. Es gibt Anweisungen, welche Musik zu welchem Bild zu hören ist, als hätte die Schöpferin eine Oper inszenieren wollen. Eine Bildersammlung wie ein Filmdrehbuch, wie Grafiken, serielle Malerei – ein synästhetischer Genrehybrid. Doch was heute wie ein avantgardistisches Kunstexperiment anmutet, war wohl vor allem: Überlebenskampf. Selbsttherapie. Widerstand.



Bild 1 der Sammlung, die Charlotte Salomon angefertigt hat: ein Blatt in aufgewühlten Blau- und Schwarztönen. Die Zahl 1913 ist in spitzer Schrift in die obere Bildmitte platziert, dazu der Text: «1. Aufzug. An einem Novembertage verließ Charlotte Knarre das elterliche Haus und stürzte sich ins Wasser.» Als «Charlotte Knarre» firmiert Charlotte Salomons Tante, sie wird auf diesem ersten Blatt 30-mal als kleine Frauenfigur skizziert, die auf gewundenen Wegen durch die nächtliche Stadt streift. Die Arme mal verzweifelt zum Himmel gehoben, mal weit ausgebreitet als wolle sie fliegen, dann wieder rauft sie sich die Haare. Vielleicht ...

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Tanz April 2015
Rubrik: produktionen, Seite 8
von Nicole Strecker

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