Süße Mädchenträume und bittere Initiation

Wie harmlos ist der «Nussknacker» wirklich? Und ist er, Hand aufs Herz, Kindern zumutbar? E.T.A. Hoffmann, der Erfinder des Märchens, schrieb, es sei zum Erstaunen, wie lebendig Kinder etwas im Geist auffassen, das manchem grundgescheiten Papa gänzlich entgeht

An Heiligabend sinkt Marie, die siebenjährige Tochter des Medizinalrats Stahlbaum, mitten im Spiel zusammen. Gerade noch hat Pate Drosselmeier, seines Zeichens Obergerichtsrat und Uhrmacher, ihr einen Nussknacker geschenkt, der ihm selbst un­übersehbar ähnelt. Marie hat den «grundhässlichen, kleinen Kerl» sogleich ins Herz geschlossen.

An der Schwelle zum Schlaf wird das Mädchen von einer schrecklichen Vision übermannt: Im Wohn­zim­mer­schrank, dort wo neben den Puppen auch die Spielzeugarmee des Bruders Fritz zu Hause ist, tobt eine Schlacht zwischen dem Heer des Mausekönigs und den Soldaten, die der Nussknacker anführt. Die Uhr an der Wand, auf der für gewöhnlich die Eule zur vollen Stunde ihre Flügel schlägt, hat sich verwandelt: Drosselmeier thront obenauf und zeigt die Spukstunde an. Fassungslos muss das Kind mit ansehen, wie der Nussknacker von den Mäusen fast gelyncht wird – bis es schließlich seinen linken Schuh ergreift und mitten hinein in die Mörderbande wirft.

Als Marie «wie aus tiefem Todesschlaf erwacht», ist sie fiebrig, hat sich den Arm an der Glas­tür des Schranks verletzt. Böse ist sie dem Paten Drosselmeier, der bald darauf an ihrem Bettchen sitzt: Warum hat er ...

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Tanz Dezember 2005
Rubrik: Der Nussknacker, Seite 28
von Dorion Weickmann

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