Das letzte Glück
Zweieinhalb Wochen zuvor war die Welt noch in Ordnung. Man fuhr zu Pina Bausch nach Wuppertal, das «Neue Stück» zu sehen. Erfreute sich an den frischen Gesichtern des Tanztheater-Nachwuchses, bewunderte die Bewegungs-Serpentinen, auf denen Schmerz und Lust in Endlosschleifen vorüberglitten. Sammelte Bausch’sche Selbstzitate auf und staunte über klassische Arabesquen, die sich zur ironisch erleuchteten Ahnengalerie gruppierten. Und schrieb schließlich diesen Satz: «Wer die Bretter der eigenen Tradition derart rücksichtslos durchbohrt, ist in der Freiheit angekommen.
»
Der Satz stand da, seltsam endgültig. Als könne da gar nichts mehr nachfolgen. Zweieinhalb Wochen später gibt es kein Fragezeichen mehr. Pina Bausch ist tot. Dass das «Neue Stück» ihr letztes bleiben wird, ist unbegreiflich. Sechzehn Tänzer und Tänzerinnen sitzen auf der Bühne und streichen dem Vordermann durchs Haar, wühlen sich durch Lo-ckenmähnen bis zur Kopfhaut. In Chile, wo das Wuppertaler Ensemble im Februar unterwegs gewesen ist, kennt jedermann dieses Bild: die Läusesuche als allabendliche Routine. Aber Pina Bausch, und das ist einmal mehr das große Geschenk dieses letzten Stücks, hebt jede vertraute Geste, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Dominique Hervieo, als Choreografin sind Sie jetzt im zweiten Jahr Intendantin am Théâtre national de Chaillot. Das Theater sollte nach erbitterten Debatten zum ersten großen Tanzhaus in Paris werden. Ich hatte nicht erwartet, dass nun doch so viel Theater im Programm steht. Hat da die Theaterlobby im Kulturministerium Einfluss geltend gemacht? ...
Als in den 1970er Jahren einer über das Kuckucksnest flog, regnete es Oscars. Milos Formans Film nach dem Roman «One Flew Over the Cuckoos’s Nest» von Ken Kesey traf den Zeitgeistnagel auf den Kopf. Antiautorität und Psychiatriekritik waren salonfähig. Die Zeiten, da man für Lobotomie einen Nobelpreis bekam, waren zwar vorbei, doch der Elektroschock galt, trotz...
Sinn für Richtung. Oder Wissen um die Richtung? Auch Wesen der Regie. «A sense (essence) of direction» ist mehrdeutig. Für Choreografen und Lebenskünstler formuliert der Satz ein Überlebensprinzip. Doppelsinnige, dialektische, irreführende und Markierungen setzende Botschaften adressieren Thomas Plischke und Kattrin Deufert an die Zuschauer in ihrer auf Kampnagel...
