The Season of the Witch

Frank Castorf zierte sich lange, um seine Volksbühnen-Intendanz doch mit einem deutschen Klassiker-Monument zu beenden: Goethes «Faust» – mit Dank an Frantz Fanon, Aimé Césaire, Emile Zola, Paul Celan, Lord Byron, Chris Dercon, Klaus Kinski und viele, viele andere.

Nach zwei Stunden und 50 Minuten erreicht diese letzte Inszenierung von Frank Castorf als Intendant der Volksbühne ihren Give-the-people-what-they-want-Gipfel – geizig war sie mit Hö­he­punkten schon vorher nicht gewesen. Und wir, the people (as in Volksbühne), sind begeistert. Magie und Plötzlichkeit, funky Bläser­fanfa­ren, Hedonismus und Hexerei und viel lakonischer Witz waren die Gleitmittel schon für die ersten drei von sieben Stunden Welt­ideentheater. Doch dann entsteht ex machina Sophie Rois und übernimmt drei Rollen direkt nachein­ander.

Erst kritzelt sie resolut Beschwörungsformeln als Hexe aus der Tragödie zweiter Teil, wird dann völlig überraschend der Geist, «an dessen Sphäre» Faust ganz zu Beginn des ersten Teils zu lange «gesogen» hat, um sich schließlich mit der gleichen Plötzlichkeit vom über­legenen kalten Geist in den unterlegenen Beflissenheitsperformer Wagner zu verwandeln, der die Konversation mit den höheren Sphären mit seiner irdischen Betulichkeit bekanntlich gründlich ruiniert. Das wieder­holte abrupte Umlegen der Schalter bringt die Leute zum Jauchzen. Es ist auf den Punkt das, was man all die Jahrzehnte hier geliebt hat: eine zutiefst sarkastische ...

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Theater heute April 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Diedrich Diederichsen