bremerhaven S. Vanaev: «L'Arlésienne», «Der wunderbare Mandarin»

Ist «Sacre» wirklich das Skandalballett des letzten Jahrhunderts? Béla Bartóks «Der wunderbare Mandarin» von 1924 war da doch deutlich sicherer im Milieu als Strawinsky. Böse Buben rauben mit Hilfe einer Nutte geile Freier aus – bis ein gewisser Mandarin auftaucht, der das Mädchen auch dann noch begehrt, als die Banditen ihn erstochen haben. Seine ewige Wiederauferstehung ist reine Blasphemie. Sterben will er erst, wenn sie ihn küsst. Aus dieser Erpressung macht Sergei Vanaev reines Grand Guignol. Die Bühne von Johannes Bluth ist die Hölle, auf der Rückwand flackert das Fegefeuer.

Shang-Jen Yuan, der von Vanaev maoistisch kostümierte Mandarin, tritt ungerührt wieder und wieder durch eine Tür, steigt die schmale Stiege zur Bühne hinab, wo die Bande – dekoriert wie aus der virtuellen Welt von «Second Life» – sich kunstvoll daran macht, ihn erst zu köpfen, dann zu erhängen und endlich zu vierteilen.

Bartók, der seinen Mut zum Danse macabre nach der Lektüre der Partitur von «Le sacre du printemps» fand, lief mit der Uraufführung 1926 in Köln auf Grund. Es sei «ein regelrechtes Zuhälterstück», schimpfte der damalige Oberbürgermeister, Konrad Adenauer, und ließ das Werk verbieten. Die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Mai 2013
Rubrik: kalender und kritik, Seite 44
von Arnd Wesemann

Weitere Beiträge
buch: xin peng wang

ist ein Band des Dortmunder Theaters gewidmet, der den chinesischen Ballettdirektor vor allem von seiner choreografischen Seite zeigt. Gut siebzig Fotos, auf hundert Doppelseiten in japanischer Broschur gebunden, geben einen guten Eindruck seines Werks. Xin Peng Wang selbst kommt in dem Buch allerdings kaum zu Wort, doch wenn, bleibt das nicht ohne Konsequenz. So...

krabat

Krähen krächzen anders. Aber Vogelgezwitscher der etwas sanfteren Art könnte Peteris Vasks tatsächlich zum vierten Satz seines Streichquartetts Nr. 3 inspiriert haben, mit dem Demis Volpi in Stuttgart sein abendfüllendes Ballett eröffnet. Kaum hörbar erklingt Vasks’ Musik, unwirklich schön, und nichts kann den Schlaf der elf Raben offenbar stören. Wie auf einer...

mannheim: Kevin O'Day: «Othello»

José Limón braucht mit «The Moor’s Pavane» gerade mal 20 Minuten, um eine ganze Tragödie aufzuzeigen. John Neumeier lässt seinem «Othello» immerhin zweieinhalb Stunden Zeit, die Pause eingerechnet, damit er Fuß fassen, besser gesagt: damit er straucheln kann. Kevin O’Day macht es am Mannheimer Nationaltheater etwas kürzer.

Nach «Hamlet» (2008 in Stuttgart) und...