cesena

Die Renaissance erwacht um vier Uhr morgens. In Anne Teresa De Keersmaekers neuem Meisterwerk leuchten die Tänzer. Und aus ihren Kehlen tropft das reine Gold.

Welcher noch lebende Choreograf wäre in der Lage, wie Anne Teresa De Keersmaeker 10.000 Menschen, verteilt auf fünf Aufführungen, dazu zu bringen, um vier Uhr morgens aufzustehen? Auf dem Weg zum Papstpalast von Avi­gnon begegnet man mühsam erwachend den letzten Nachtschwärmern, die ihrem Bett entgegentorkeln. Und hat schon erste Erkenntnisse: Die Ratten dieser Stadt sind gut ge­nährt. Hellwach flitzen sie zwischen den Papier­körben. Um fünf Uhr morgens zerreißt ein langer Ton, sich zum Schrei steigernd, die Dunkelheit des Ehrenhofs. «Cesena» beginnt.

Der Sänger ist nackt, doch das Dunkel kleidet ihn wie vor einem Jahr in Avignon die Dämmerung den Solisten am Ende von «En atendant», als am Ende Finsternis alle Nacktheit ­verschlang. Wie viel Zeit verging zwischen beiden Stücken? Ein Jahr oder eine Nacht? Um halb sechs erwachen die Hunde, um sechs die Vögel. Um sechs Uhr dreißig entfaltet das Sonnenlicht seine goldene Kraft. Die 19 Interpreten sind nicht alle in Schwarz gekleidet, wie das Auge eine Stunde lang glaubte. Es ist Tag, und die Papststadt an der Rhône ist von nun an mit der Choreografin aus Brüssel verbunden. Zwei Stunden nach Beginn endet «Cesena». Wer kam, um ...

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Tanz Oktober 2011
Rubrik: produktionen, Seite 8
von Thomas Hahn