Anna Melnikova

Leben in der Zaungesellschaft: Die russische Choreografin dokumentiert virtuoses Leiden und sieht das Ich verschwinden.

In Monaco treffen sich am 30. Juni und 1. Juli auf den Kasinoterrassen mehrere Tanzhochschulen. Mit dabei: ein gewaltiger Luftballon, dessen Flug über die sonnige Open-Air-Bühne die berühmten Sprünge von Waslaw Nijinsky in den Schatten stellen soll. Man zelebriert die Jahrhundertfeier der Ballets Russes, aber welche Hochschule lehrt noch Nijinskys virtuose Sprünge? Anna Melnikova fesselt den Ballon, denn der Ballon muss gefesselt sein, weil «Freiheit schädlich ist». Kein Witz. Die Russin sagt, sie sei Unterdrückung gewohnt. Für Tataren, Zaren, Genossen ist Freiheit – ein Fremdwort.



«Wir marschieren von einem System ins nächste, wir stiefeln überall hinein und verlangen nach grenzenloser Weite. Denn sollte es uns eng werden – расхуячим все к ебанной матери.» Diese Schimpfwörter stieß Anna Melnikova beim Festival off.limits in Dortmund aus, dann im Berliner Dock 11, als Tänzerin des Volkstanzes Pljaska, den Stalins Volkstanzchoreograf Igor Moissejew 1937 den «Tanz der Muskelfreude» nannte, weil er «das Blut zum Kochen bringt».

Jeder kennt den Kasatschok, den Tanz in der Hocke. Jeder ahnt die glühenden Muskeln. Anna Melnikova ging durch genau diese Schule: «Wir trainierten, gewannen, ...

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Tanz Juli 2010
Rubrik: newcomer, Seite 30
von Arnd Wesemann

Vergriffen