alltag

heißt das neue Stück für Martin Schläpfer. Die Choreografie lässt er maßschneidern – von keinem Geringeren als Hans van Manen. Eine alles andere als alltägliche Begegnung

Tanz

Martin Schläpfer blickt verdrießlich auf seine Füße. Er probiert die komplizierte Schrittfolge aus verketteten Bourrées und Échappés erneut. «Ich kann das noch nicht», sagt er, und schleudert das rechte Bein nach vorne. Halb belustigt, halb verärgert streicht er sich durchs Haar. Wie ein Schuljunge wirkt der Chef des Ballett am Rhein im Probensaal in Düsseldorf-Oberkassel. Wieder ganz Tänzer, ordnet er sich vollständig dem Choreografen unter, der zugleich nichts anderes ist als: sein Vorbild. Hans van Manen beobachtet den Lehrling geduldig.

Still, mit kerzengeradem Rücken, sitzt er auf seinem Stuhl. «Es ist schon sehr gut, nur noch ein paar kleine Details», beschwichtigt er. Schläpfer muss sich schonen. Der 55-Jährige hat sich beim Training eine Muskelfaser gerissen – zu viel Ehrgeiz. Van Manen kreiert für Martin Schläpfer, das bedeutet übersetzt: Ein (Alt-)Meisterchoreograf porträtiert den anderen. Schläpfer tanzt sich selbst. «Alltag» heißt das 17-minütige Stück, das erste Werk des Niederländers mit deutschem Titel – und seit Langem das erste, das er im Ausland entwirft.

Am nächsten Tag sind wir zum Doppel-Interview im noblen Hotel Breidenbacher Hof verabredet. «Hast du geübt?», begrüßt van Manen gut gelaunt den Kollegen und Freund in seiner Suite. «Ja, im Büro», schmunzelt der. Der 82-Jährige bestellt einen Tomatensaft und schüttet ordentlich Tabasco hinein, bevor er sich die erste Lucky Strike anzündet.

Hans van Manen, Sie haben seit zwanzig Jahren nicht mehr außerhalb von Holland choreografiert. Warum tun Sie es jetzt?
Van Manen: Nur, weil Martin mich darum gebeten hat. Ich möchte nicht mehr längere Zeit in Hotels wohnen und habe auch genug zu tun in Holland. Ich begreife sowieso nicht, wieso immer alle Uraufführungen wollen. Von Balanchine gibt es auch keine Uraufführungen mehr. Ich finde, ich habe genug Ballette gemacht. Die kann man auch nehmen. Aber wenn Martin mich nach einem Solo für sich selbst fragt – uns verbindet seit dreißig Jahren eine intensive Freundschaft –, dann ist das eine Herausforderung. Also habe ich mir ein Szenario für ein Solo ausgedacht.

Sie arbeiten auch erstmals seit zwanzig Jahren wieder direkt zusammen. Wie ist das?
Er steht nicht da wie ein Choreograf, er benimmt sich wie ein Tänzer.

Hat Ihre Inspiration unmittelbar mit Martin Schläpfers Persönlichkeit zu tun?
Natürlich. Im Zentrum stehen drei Ballette, die er selbst gemacht hat: zwei Männer-Soli – aus Mahlers 7. Sinfonie und aus Schuberts «Du bist die Ruh'» – sowie ein Frauen-Solo zu Bachs Partita 6 aus der «Toccata». Die muss er tanzen. Später tanzt er einen Pas de deux mit Marlúcia do Amaral. Anschließend kommt ein sehr junges Paar, das den Pas de deux weitertanzt. Das kann man als die Zukunft deuten. Er schaut sich das junge Paar an und überlegt, ob er das choreografiert hat.

Welche Musik haben Sie ausgewählt?
Durch Zufall habe ich einen fantastischen Barock-Komponisten aus dem 18. Jahrhundert wiederentdeckt, Manuel Blasco de Nebra. Ich habe immer nette Freunde, die mir so etwas zuspielen. Martin hört in meinem Stück diese Musik, denkt nach über Choreografie. Plötzlich kommen ihm seine eigenen Soli in den Sinn, und er tanzt.

Martin Schläpfer, wie haben Sie sich vorbereitet? Müssen Sie sich wieder in Diät und Disziplin üben wie seinerzeit als Tänzer?
Schläpfer: Ja, ich musste wieder ein bisschen Diät halten. Ich war zu schwer geworden für die Bühne und bin auch jetzt noch dran. Aber es ist keine Qual, ich genieße, dass alles wieder in Fluss kommt, dass eine gewisse Tänzerform sich wieder zeigt. Mit meinen Aufgaben als Ballettdirektor ist das alles nicht so leicht zu vereinbaren. Aber ich möchte nicht auf die Bühne und nicht gut ausschauen – auch energetisch gesprochen. Es ist immerhin ein van Manen.
Van Manen (lacht): Was hat er sich angetan für mich! Er war schon immer sehr diszipliniert. Das bin ich auch.

Wie ist es, als Choreograf mit dem eigenen Vorbild zu arbeiten?
Schläpfer: Erst einmal ist es ein großes Geschenk. Ich habe mehr Mut, ich zu sein neben ihm. Wir sind Freunde. Nichtsdestotrotz sind da der Respekt und das Wissen um seine Meisterschaft, die große Wichtigkeit seines Künstlertums in der Tanzwelt. Ich brauche das auch, jemanden, zu dem ich aufschauen kann. Jemanden, der leitet, mir Klarheit und Kraft gibt. Hans macht das seit Dekaden – and he stays on the top.

Was meinen Sie mit Mut?
Schläpfer: Ballettdirektor zu sein, ist kein Pappenstiel. Chef sein, Doppelposition Künstler und Direktor, plus zwei Häuser plus zwei Orchester – das kostet schon enorm viel Kraft, und ich verfluche es auch manchmal. Gespräche mit Hans, überhaupt seine Kunst, sind für mich ein Leuchtturm. Das gibt mir Mut, weiterzumachen …
Van Manen: … und auch mal auszubrechen!
Schläpfer: Ja, auch das.
Wie ist Ihre Freundschaft entstanden?
Van Manen: Ich habe Martin kennengelernt als Tänzer bei Heinz Spoerli in Basel Ende der 1970er-Jahre. Er war ein fantastischer Tänzer, und ich wollte bei allen meinen Balletten in Basel immer ihn. Dann habe ich lange nichts von ihm gehört, ich weiß nicht, wie es ging mit Heinz. (Schläpfer lacht laut). Dann war er Ballettdirektor geworden in Bern. Er rief mich an und fragte nach der «Großen Fuge». Wir haben sechs Jahre in Bern gearbeitet, dann zehn Jahre in Mainz und jetzt wieder in Düsseldorf. Wir haben auch mal zusammen auf der Bühne gestanden, in Heinz Spoerlis «John Falstaff».
Schläpfer: Genau, du warst Falstaff, ich war Fenton, der junge Liebhaber.
Van Manen: Ich war Ende fünfzig. Ich habe damals das getan, was du heute tust.

Martin Schläpfer, Sie bauen hier mit dem Ballett am Rhein ein beachtliches Hans van Manen-Repertoire auf. Ist es mittlerweile das größte in Deutschland?
Schläpfer: Ich glaube, wir könnten etwa zwanzig Ballette von Hans direkt auf die Bühne bringen. Aber Stuttgart hat mehr.
Van Manen: Ja, Stuttgart hat 24 Ballette.
Schläpfer: Ich weiß nicht, was meine Vorgänger von ihm hatten, Spoerli, Youri Vámos und Erich Walter. Für Erich Walter hast du sogar kreiert.
Van Manen: Ja, ich weiß noch, wie ich dem Nederlands Dans Theater Adieu gesagt habe – es war ein Samstag. Ich dachte, was nun? Ich hatte keine Arbeit. Erich Walter rief mich montags an und gab mir einen Auftrag. Es war mein erstes Ballett außerhalb von Holland. Meine internationale Karriere hat in Deutschland angefangen, eben 1971 mit «Keep going».

Martin Schläpfers Düsseldorfer Kreationen zu zeitgenössischer Musik, etwa zu Morton Feldmans «Neither» oder zuletzt Adriana Hölszkys «Deep Field», polarisieren das
Publikum. Haben Sie diese Entwicklung verfolgt?
Van Manen: Ich habe alles von ihm gesehen. Auch wenn ich selbst keine Premiere im jeweiligen Programm habe, komme ich trotzdem, um seine Premieren anzuschauen. Martin ist ein großer Choreograf, das Beste, was Deutschland hat. Er ist auch international ein Top-Choreograf. So eigen, so furchtbar eigen. Ich liebe es, seine Stücke zu sehen. Gott sei Dank bin ich nicht eifersüchtig.

Inwieweit ist Psychologie in Ihren abstrakten Balletten möglich?
Schläpfer: Es ist wichtig, dass Tanz Bedeutung hat und Grund. Er darf aber auch schweben, unklar bleiben. Es geht um Energien zwischen Körpern. Es ist unglaublich schwirig zu definieren, was Psyche ist. Sie ist nicht messbar. Es sind aber genau diese Dinge, die ein Publikum berühren können. Es sind gewisse Grundwahrheiten des Menschseins, des Im-Leben-Stehens.
Van Manen: Wenn Martin etwas tut, was man psychologisch nennen könnte, dann – pang! – kommt wieder ein Solo rein. Auf diese Weise schneidet er ab und geht weiter. Ich tue das auch, aber in meinen Choreografien leidet man nicht, bei ihm leidet man ein bisschen (beide lachen). Aber ich finde auch, dass er ein abstrakter Choreograf ist. Die Musikstücke, die er gebraucht, sind auch abstrakt. Im Programmheft steht, was sie erzählen, aber das sehe ich nicht auf der Bühne. Eigentlich kann ich die ganze Psychologie im Tanz nicht ausstehen.
Schläpfer: Aber bei dir ist sie auch vorhanden!
Van Manen: Aber nicht, um zu erklären. Was ich wahnsinnig wichtig finde, ist, dass man in einer Choreografie Menschen sieht. Zwischen ihnen geschieht etwas, das muss meine Choreografie zeigen. Ich hasse Dekoration. Nur so ein Tänzchen um des Tänzchens willen – nein! Ich will Beziehungen sehen zwischen Menschen. Da kann unglaublich viel geschehen, das sehe ich auch bei Martin. Die Tanzkunst hat nichts mit Literatur zu tun, obwohl sie immer herangezogen wird, um den Tanz zu erklären. Warum?

Warum nicht?
Van Manen: Es ist keine Psychologie nötig, um zu sehen, dass die Frauen bei mir unheimlich stark sind. Das interessiert mich. Aber die Männer müssen auch stark sein. In meinen Balletten gibt es keine Verlierer. Ich finde es auch sehr wichtig, dass die Dinge logisch geschehen.

Wie machen Sie das?
Van Manen: Man zieht einen Strich unter das, was man gerade gezeigt hat, zum Beispiel mit einem starken Solo. Das macht Martin auch.
Schläpfer: Das ist dann wie ein Scheibenwischer, ein Regen, etwas Neues kann passieren. Das mache ich oft nach einer Ballung von Drama oder Leiden. Pathos ist nicht mehr mein Thema. Das ist wie eine Katharsis.

Können Sie sich den Einsatz von Medien in Ihren Arbeiten vorstellen?
Schläpfer: Nein, ich bin das einfach nicht. Es ist ein endloses Thema, der Körper, die Musik und das Licht. Von mir aus auch mit einer Handlung oder einem Thema – das kann ja Zukunftsmusik sein. Für mich genügt das. Ich habe kein Bedürfnis nach dem Einsatz von Medien. Aber das kann ja noch kommen.

Hans van Manen, Sie waren der erste Choreograf, der Medien eingesetzt hat. Finden Sie das Internet mit Facebook oder Twitter im Ballett interessant?
Van Manen: Wenn man es gut gebraucht. Medien werden heute zu oft dekorativ eingesetzt.

Sie sind ja ein sehr moderner Mensch, Sie haben zwei Seiten bei Facebook: als Choreo­graf und als Tänzer!
Van Manen: Das hat mein Partner Henk gemacht. Ich hab's noch nie gesehen! Ich habe auch kein Handy, nur ein Telefon zu Hause, ein altmodisches dazu. Sie können mich von neun Uhr morgens bis ein Uhr nachts anrufen. Die meisten Leute sind damit sehr zufrieden. So ist alles schnell besprochen, das geht fantastisch! Henk macht vieles am Computer. Ich nicht.

Wenn Sie Zuschauer sind – gehen Sie raus, wenn Ihnen etwas nicht gefällt?
Van Manen: Nein, ich laufe nie weg. Aber manchmal ist es schwierig. Einmal lud Heinz Spoerli Wayne Eagling und mich nach Düsseldorf zu seinem «Feuervogel» ein. Wir fanden es furchtbar langweilig. Nach der Vorstellung ging ich natürlich hinter die Bühne. Wayne Eagling fragte entsetzt: «Wo gehst du hin?» «Zu Heinz», antwortete ich. «Was willst du denn sagen?» Ich sagte, dass ich lügen werde. Da kam Heinz auf uns zu und rief: «Sag nichts – langweilig!» So brauchte ich nicht zu lügen. Man kann die Leute doch nicht beleidigen. Ich bin ein guter Diplomat. Und das muss man auch sein.

Wie gehen Sie mit Kritik Ihrer Zuschauer um?
Schläpfer: Nach der Premiere, wenn man müde ist, kann das schon an die Substanz gehen. Die Leute warten im Foyer und stehen Schlange, um so richtig ihre Meinung zu sagen. Da kommt auch Negatives. Wenn es ohne Substanz ist, trifft es mich aber nicht.
Van Manen: Vor einem Jahr kam bei Het Nationale Ballet in Amsterdam während einer Pause ein Mann zu mir. Er schimpfte fürchterlich über den ganzen Abend. Ich fand das unglaublich, denn ich hatte damit nichts zu tun. Er hörte nicht auf. Da gab ich ihm 50 Euro und sagte: «Bitte, da haben Sie Ihr Geld zurück.» Da kehrte er um und rannte davon.

«Alltag» ist wieder zu sehen im Rahmen des Abends «b.21» in Düsseldorf, Opernhaus, 2., 6., 8., 21., 23., 27. November, 21. Dezember

Siehe auch das Interview mit Martin Schläpfer im Jahrbuch von tanz 2014


Tanz November 2014
Rubrik: menschen, Seite 16
von Bettina Trouwborst

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