Stefano Gianetti «Valses», Kurt Jooss «Der grüne Tisch»
Wer Dessau sagt, meint Bauhaus – insofern kein Wunder, dass sich auch das Ballett des Anhaltischen Theaters an den Hundertjahrfeiern beteiligt, die noch 2026 an die Umsiedlung der ursprünglich in Weimar ansässigen Design-Schule erinnern. Freilich lässt sich aus diesem Anlass und allemal angesichts der gegenwärtigen Politverwerfungen nicht irgendein Spektakel auf die Bühne wuchten. Also hat Ballettdirektor Stefano Giannetti ein schlüssiges Doppelprogramm kuratiert.
Teil 1 wird von ihm selbst bestritten, Teil 2 mit einem modernen Klassiker bestückt: mit Kurt Jooss‘ «Der Grüne Tisch», dem Totentanz von 1932, der Leid, Leben und Sterben in Zeiten des Krieges zu einer bewegten Grafik verdichtet. Wie der Architekt Walter Gropius, der das Dessauer Bauhaus leitete, emigrierte auch der Choreograf Jooss nach Großbritannien, wo sie mit Dartington Hall eine Akademie neuen Typs ins Leben riefen.
Bevor die Kriegstreiber am «Grünen Tisch» verhandeln, unternimmt Giannetti mit «Valses» eine Art Zustandsbeschreibung: gehobene Verhältnisse, wie sie das 20. Jahrhundert hervorbrachte. Damen und Herren – sie in glänzenden Hängerchen à la Pina Bausch, die Männer in feine Anzüge gewandet – umschwärmen, umschwirren, umsäuseln einander in einer Art «Kontakthof»-Kulisse samt überdimensionalem Bilderrahmen. Davor begegnen sich die Ballbesucher*innen in wechselnden Konstellationen, bis Gewehrsalven und Flakgetöse hereinfluten und die soignierte Gesellschaft blitzschnell verschwindet. Zurück bleiben zwei junge Frauen, die der Soldateska (in Gestalt zweier gestandener Mannsbilder) in die Hände fallen, bedrängt, vergewaltigt und schließlich weggeworfen werden wie vernutzte Objekte. Giannetti choreografiert sowohl das Amüsement als auch die rohe Gewalt mit Gespür für die Feinheiten und die Grenzen des klassischen Tanzes, der Hard Facts in surreale Fiktion übersetzt. Bei aller Dezenz gelangen Misogynie und Brutalität direkt an die Ausdrucksoberfläche, wobei dramaturgisch schleierhaft bleibt, wieso die beiden Frauen erst nach mehrfachen Torturen das Weite suchen, anstatt sich nach dem allerersten Übergriff in Sicherheit zu bringen.
Für «Valses» hat Giannetti sein zehnköpfiges Ensemble um etliche Gäste erweitert, was der szenischen Dynamik zugutekommt. Der verkleinerte Cast, der danach den «Grünen Tisch» bespielt, entfesselt dafür empathische Kräfte und beeindruckt mit einer emotionalen Tiefe, die auch das Publikum mitzieht. Ein feiner Abend, der den Stand der Dinge einfängt. Überzeugend und ernüchternd zugleich.
Wieder 29.–31. Jan., 1. Febr.;
www.anhaltisches-theater.de
Tanz Januar 2026
Rubrik: Kalender, Seite 36
von Dorion Weickmann
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