Haltungsfrage

Ralf Dörnen ist Ballettdirektor und findet: Bei der Arbeitseinstellung gibt es bisweilen Luft nach oben

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Ralf Dörnen, Sie waren Solist bei John Neumeier in Hamburg, leiten seit 1997 das Ballett Vorpommern mit derzeit 13 Tänzerinnen und Tänzern – welche Veränderungen nehmen Sie wahr? 
Die Entwicklung ist komplex, und natürlich weiß ich, dass der Beruf sehr hart ist. Wir hatten einen unglaublichen Druck in Hamburg, was zumindest mir meistens gutgetan hat – weil ich etwas wollte. Die Veränderung beginnt schon im Bewerbungsprozess, wobei ich betonen möchte: Wir sprechen hier nicht von allen Tänzern und Tänzerinnen, aber von Phänomenen, die ich zunehmend beobachte.

Was hat es mit dem Bewerbungsprozess auf sich? 
Wir bekommen jedes Jahr um die tausend Bewerbungen – und das ist der erste Eindruck, den man hat. Die Hälfte davon ist falsch adressiert, ans falsche Theater, falsche Person, falsche Stadt. Lebensläufe und Daten sind teilweise unvollständig. Es fehlt das Geburtsdatum, die Größe, oder es ist nicht die gesuchte – obwohl die Ausschreibung, die über die Website und die Social Media läuft, das ausdrücklich erwähnt, damit wir passende Paare zusammenstellen können. Irgendwann haben wir entschieden, dass wir nicht mehr jede Bewerbung beantworten können, dafür reicht die Zeit nicht.

Das hört sich nach Kommunikationsproblem an, wie geht es weiter? 
Wir haben in diesem Jahr rund ein Dutzend Männer ausgesucht. Endloses Hin und Her: «Kannst Du an Termin XY kommen?.» Ich möchte kein großes Vortanzen machen, sondern lade bis zu fünf Leute ein, mit der Compagnie zu trainieren. Um zu sehen, wer wie zusammenpasst. Dann kommt die Antwort – der eine kann, der nächste nicht. Hat man endlich ein allseits taugliches Datum fixiert, sagen ein, zwei kurzfristig ab. Oder erscheinen einfach nicht. Wir hatten in diesem Jahr sieben Kandidaten eingeladen, zwei sind gekommen, fünf haben noch nicht mal abgesagt. Das finde ich respektlos, denn wir geben uns wirklich Mühe, jedem gerecht zu werden, wir schauen jedes Video an.

Haben Sie eine Erklärung dafür, woran das liegen kann? 
Ich glaube, die Tänzer sind natürlich auch unter Druck, schreiben vielleicht auch hundert Bewerbungen. Trotzdem sollte das zur Ausbildung gehören, dass man angehenden Profis beibringt, wie eine Bewerbung auszusehen hat, und wie das Verfahren läuft.

Was hat sich im Alltag, im Ballettsaal verändert? 
Wir haben in der letzten Spielzeit genau drei Vorstellungen gehabt, wo alle Tänzer da waren. Das hat sich nach Corona verändert. Wir haben fast jede Woche mindestens dreimal den Fall, dass ein Tänzer eine WhatsApp schickt und mitteilt: «Ich habe nicht so gut geschlafen, ich komme nicht zum Training, aber ich komme dann zur Probe.» Training ist wichtig, immens wichtig, als Vorbereitung auf Probe und Vorstellung, als Prophylaxe gegen Unfälle und Verletzungen – weil es Kraft gibt. Ein gutes Training arbeitet an der Musikalität, an der Technik, an der Dynamik. Wenn ich das verpasse, schade ich mir selbst.

Auch ein Thema für die Ausbildung? 
Ganz bestimmt. Aber in der Häufung ist es schon erstaunlich. Wenn morgens um neun mein Handy piept, dann ist die Frage nur: Wer fällt heute aus? Wir verlangen neuerdings die Vorstellung beim Arzt und eine Krankschreibung, wenn jemand nicht erscheint. Nicht aus Schikane, sondern weil es auch arbeitsrechtlich wichtig ist. Wenn jemand krank ist, kann er nicht trainieren, nicht tanzen – das ist doch klar. Da haben wir ja auch eine Fürsorgepflicht. Aber seitdem die Regelung gilt, sind die Ausfälle zurückgegangen.

Was verursacht Trainings-Unlust? 
Man muss wissen, dass sich das Training am Programm orientiert: Wenn wir einen klassischen «Nussknacker» machen, dann müssen wir auf Kraft gehen, auf Kondition, auf gestreckte Füße. Tanzen wir Zeitgenössisches, ist das Training weicher. Ich habe den Eindruck, immer mehr Tänzer denken, sie wüssten genau, was sie brauchen. Aber was in vier Wochen gebraucht wird, das wissen sie nicht, können sie auch nicht wissen, dafür sind Ballettmeister und Direktor zuständig und verantwortlich. Ich habe neulich gesagt: «Wir machen fünf Grands battements statt zwei, weil ihr das nächste Woche braucht.» Begeisterungskurve fällt sofort ab. Ein andermal sagt der Ballettmeister einem jungen Tänzer, der in einer Hauptrolle debütiert: «Du brauchst mehr Kraft, mach die Übung bitte noch mal.» Der Tänzer fühlt sich gedemütigt, kommt zu mir. Und ich spreche mit allen Beteiligten, seine Kollegen sagen: Der Ballettmeister hat ihm gesagt, er soll die Übung wiederholen, weil er Kraft braucht. Keine Demütigung im Spiel – was macht man da? Wieso gibt es bisweilen so wenig Vertrauen, dass wir auf alle aufpassen und für alle das Beste wollen?

Was verstehen Sie unter «das Beste»? 
Dass man auch pusht. Wir haben eine junge Tänzerin, die das erste Mal den «Nussknacker» tanzen sollte. Ich habe ihr klar kommuniziert: «Ich werde dich jetzt pushen. Das heißt, ich werde auch mal laut werden, stell dich bitte darauf ein. Das ist nie böse gemeint, oder um dich runterzumachen – im Gegenteil: Ich will dich raufziehen, hochholen, besser machen.» Sie sagte: «Ja, ist okay.» Bestimmt war es nicht immer leicht, aber hinterher hat sie mir gesagt: «Ich verstehe, was du meintest.»

Aber Sie haben auch vorher mit ihr geredet, haben offen mit ihr darüber gesprochen und sich ihr Einverständnis abgeholt. 
Ich bin ja durchaus lernfähig. Aber es kann nicht immer zur allseitigen Zufriedenheit laufen. Wir haben zum Beispiel in möglichst regelmäßigen Abständen Meetings, wo die Tänzer ihre Beschwerden und Wünsche vorbringen – das war ihre Anregung. In einem Treffen haben sie mehr positives Feedback angemahnt. Da konnte ich nur sagen: «Es liegt nicht an mir, sondern an euch. Eure Performance entscheidet – auch bei Proben.» Ich sage immer, wenn etwas gut ist. Aber auch, wenn etwas eben nicht gut ist. Das ist mein Job. Ich bin für die Qualität dieser Compagnie zuständig.

Wann wird es richtig kritisch? 
Wenn nichts zusammengeht, und ich sage: «Wir müssen die Musik zählen, sonst kommt ihr nicht zusammen.» Die meisten wollen das nicht und sagen: «Ich fühle das oder ich höre das.» Aber es hört und fühlt doch jeder etwas anderes! Dazu kommt, dass sich junge Choreografen oft schwertun mit der Musik, ihre Struktur nicht erkennen. Die stehen dann vorne und loben über den grünen Klee – «wonderful, phantastic!» Und danach kommen sie ins Büro und sagen: «Das fällt auseinander, bitte sorgt dafür, dass das zusammengeht.» Antwort: «Zählt doch mal bitte!» Auch da gilt: Es sind nicht alle, aber es werden mehr. Und wenn Choreografen wirklich etwas Essenzielles verlangen, dann wird das unter «Druckerzeugung» verbucht.

Wie sehen Sie das? 
Kunst ist Neugier, Kunst heißt, Grenzen zu dehnen – über sich hinauszuwachsen. Diesen Willen und diese Kraft muss man spüren, und nicht zu schnell mit sich zufrieden zu sein.

Aber es darf nicht ausarten in einen Dauerclinch mit sich selbst, nicht in ständige Selbstzweifel. Zumal allein die stilistische Vielfalt heute eine enorme Breite hat, die Tänzer springen von Klassik zu Contemporary und zurück. 
Auch bei uns, und das ist wahnsinnig anstrengend für den Körper. Aber deswegen wird das Training präzise auf die Anforderungen abgestimmt. Schlussendlich trifft jeder die Entscheidung: Bin ich dabei oder nicht? Dafür gibt es eine schöne Geschichte: Wir sitzen alle im Zug nach Paris, wir können diskutieren, ob wir Abteil oder Großraum fahren, das Fenster offen oder geschlossen ist – wir können endlos debattieren. Aber wenn du nach London willst, dann musst du aussteigen. An der nächsten Haltestelle. Nicht die Notbremse ziehen, das ist gefährlich für alle.

Das heißt: Wem die Richtung nicht passt, der soll gehen? 
Direktoren bestimmen den Kurs. Wenn Tänzer merken, das ist nichts für mich, dann gilt: «Mach dein Ding, geh weg, du bist kein Baum.» Wir sind in Deutschland so privilegiert, haben so viele Compagnien – da kann sich jeder das Passende suchen. Aber man muss was dafür tun. An der Stelle eine Bemerkung zur Nichtverlängerungsthematik: Ich finde das Verfahren nicht mehr zeitgemäß, es ist ja kein offenes Gespräch, sondern ganz klar, was man sagen kann und was nicht. Und das hat mit der Wirklichkeit oft nichts zu tun. Auch dass man Tänzer nach 14 Jahren kündigen muss, damit sie nicht in die Festanstellung kommen, halte ich für falsch – viele sind da auf dem Höhepunkt ihres Könnens. Ich stelle allerdings auch fest, dass Tänzer umgekehrt selten fristgerecht kündigen, was uns vor Probleme stellt, weil wir rasch einen guten Ersatz finden müssen.

Wie haben Sie Ihren Berufsanfang erlebt? 
Als ich nach Hamburg kam, war ich noch nicht fertig, ich bin reingerutscht. Zwei Jahre lang habe ich nachmittags zwischen den Proben das Schultraining mitgemacht. Weil ich wusste – ich kann bestimmte Dinge nicht, die ich können muss. Weil ich in fünf Jahren vorne stehen will, neben Ivan Liška …

… dem Startänzer. 
Ja, und nicht dahinter. Aber das muss man wollen. Neulich sagt mir ein Tänzer: «Es gibt auch was anderes als Ballett.» Na, unbedingt, sage ich – aber nicht von 10 bis 14 und 18 bis 21 Uhr, und wenn du auf der Bühne stehst.

Wie verhält es sich mit Mitsprache? 
Ich bereite mich akribisch vor, wenn ich inszeniere, wenn ich etwas anfasse wie «Anna Karenina». Als wir das probten, wollten Tänzer mitdiskutieren – Moment, Gegenfrage: «Hast du das gelesen?». Nein. «Dann diskutiere ich das nicht. Wir können nicht auf Augenhöhe diskutieren, wenn du nicht weißt, wovon die Rede ist, wer Tolstoi und wie das 19. Jahrhundert war» und so weiter und so fort.

Haben denn bei John Neumeier alle den «Sommernachtstraum» gelesen, wenn er das angesetzt hat? 
Ich habe es gelesen und immens davon profitiert. Ich habe Details in der Choreografie erkannt, die wirklich textgetreu waren. Das war sehr lehrreich. Neumeier hat Vorschläge angenommen, aber niemand wollte groß mitreden. Das gab es nicht.

Aber heute ist es ein Wunsch, und die Frage ist, ob nicht auch das schon in der Ausbildung angelegt werden muss: Wenn jemand «Romeo und Julia» tanzen und ernsthaft mitgestalten will, soll er oder sie es lesen? 
Die meisten begnügen sich mit einem Film, mit Insta-Schnipseln oder einer KI-Zusammenfassung. Nur hat das eben keinen Tiefgang. Das ist Instant-Konsum – davon kann Kunst nicht leben. Oder nur eine ganz bestimmte Richtung, die ich gar nicht schlechtreden will. Das hat alles seine Berechtigung. Es sind im Übrigen nicht nur die Tänzer – welcher junge Choreograf, welche junge Choreografin kann einen Spannungsbogen herstellen, der über zehn Minuten hinausgeht? Noch so ein Missverständnis: Ein fünfzigminütiges Stück ist für mich kein Abendfüller.

Für andere schon, Sehgewohnheiten verändern sich auch. 
Die TikTok-Ästhetik serviert Häppchen und Leute, die sich toll bewegen. Keine Frage. Aber eben keine Kunst.

Was hilft? 
Bildung, Bildung, Bildung. Meine Mutter war Grundschullehrerin und als sie in den 1980er-Jahren aufgehört hat, meinte sie: «Die vierte Klasse hat jetzt das Niveau einer dritten Klasse vor zehn Jahren.» Ich sage meinen Tänzern immer wieder: «Ich will euch niemals quälen. Niemals herabwürdigen, niemals runtersetzen. Ich bin hier, um euch zu helfen, besser zu werden. Das ist mein Job. Ich bin der Wind unter euren Flügeln – niemand, der euch zurechtstutzt. Aber ihr selbst müsst mit den Flügeln schlagen. Und ihr müsst wissen: Was jeder Einzelne macht, hat Auswirkungen für alle. Wenn jemand nicht kommt, die Schritte verpasst, dann müssen wir am nächsten Tag alle wieder von vorne anfangen.» Jedes Tun hat Konsequenzen. Verantwortung fürs Ganze ist in einer Gesellschaft, in der sich das meiste um Selbstoptimierung dreht, ein Auslaufmodell. Bedauerlich ist eben, dass solches Verhalten vorwärtsorientierte Kollegen ausbremst. Wobei ich feststelle, dass nur wenige sich trauen, diesen Konflikt untereinander kollegial zu thematisieren.

War das früher bei Neumeier anders? 
Wer nicht da war, seine Schritte nicht wusste, der war raus. Ich muss zugeben, dass es mich regelrecht schmerzt, wenn ich das Gefühl habe, Tänzer und Tänzerinnen nehmen den Tanz – diese unfassbar großartige Kunst – nicht vollkommen ernst. Man muss wissen, wo man hinwill. Und man darf nicht zu früh aufgeben. Sonst macht man keine Kunst.

Ist das, was Sie beschreiben, eine Erfahrung, die Sie mit Kollegen und Kolleginnen teilen? 
Ja. Auch mit jüngeren Kollegen, sobald sie Leitungsverantwortung haben. Ich denke, eine Tanzkarriere ist eine Rieseninvestition, bedeutet ein Höchstmaß an Hingabe. Aber wenn du es richtig machst, und das Schicksal mitspielt, ist der Ertrag echtes Glück.

www.theater-vorpommern.de


Tanz Januar 2026
Rubrik: Perspektiven, Seite 59
von Dorion Weickmann

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