Jörg Mannes «Borgia»
Dieser Premierenabend fühlt sich anders an. Der Blick auf das, was auf der Bühne des Magdeburger Theaters vor sich geht, sucht nach Anhaltspunkten, Spiegelungen, Widerhaken. Nach Indizien, die Verbrechen und Leidenschaft, Machthunger und Tötungsdrang, Vernichtung aller Gegner und Ausbau der Herrschaft mit unserer Wirklichkeit kurzschließen.
Denn von der unersättlichen Gier eines Potentaten handelt Jörg Mannes’ «Borgia».
Nur ist dieser Mann kein absolutistischer König, kein Zar und auch kein russischer Präsident, sondern ab 1492 Nachfolger Petri auf dem Heiligen Stuhl: Renaissancepapst Alexander VI. Nichts als die Vermehrung des Besitzes und dynastische Machtakkumulation im Sinn, lässt der ranghöchste Kleriker alle Feinde und kritischen Geister meucheln. Bis hin zum charismatischen Prediger Girolamo Savonarola, den die evangelische Kirche heute als Märtyrer verehrt. Soweit die Geschichte, soweit auch die Handlungsumrisse von «Borgia» in Magdeburg. Nur hat sich am Vortag etwas ereignet, das die Perspektive dramatisch aktualisiert: Der Kremlkritiker Alexei Nawalny ist im Straflager umgebracht worden. Entweder hat ihn die Folter unerträglicher Zustände allmählich zugrunde gerichtet, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Mai 2024
Rubrik: Kalender, Seite 32
von Dorion Weickmann
Bettina Milz
Kennen Sie das? Beim Umzug begegnet man ihnen, diesen dicken Stapeln der Magazine, von «tanz aktuell» über «tanz aktuell/ballett international» bis tanz. Ein Cover vielversprechender als das andere. Ich bin glücklich, dass ich sie retten kann und an die Studierenden der neu gegründeten Bibliothek der Szenischen Forschung in Bochum schicke. Und es...
Sein Urvertrauen in das, was man gemeinhin Schicksal nennt, ist inspirierend. Edward Nunes genießt nach Stationen in Salzburg und Linz sein gegenwärtiges Dasein als Mitglied des Staatstheater Nürnberg Ballett, wo das Publikum ihn seit 2019 feiert. Er blickt optimistisch in die Zukunft, und hat dazu auch allen Grund. Nunes sticht heraus: Er ist ein...
Ein Blick zurück kann einem manchmal die Augen öffnen. Denn wie schnell geht etwas in der Erinnerung verloren. Wie leicht wird etwas hinzugedichtet. Längst lehrt uns die Wissenschaft, der Erinnerung zu misstrauen. Verlässlicher ist, was man vor 30 Jahren nur gedruckt nach Hause tragen konnte. Ein Magazin beispielsweise, das sich 1994 noch etwas umständlich «ballett...
