brüssel: Lia Rodrigues: «Pindorama»

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Anfangs droht eine junge Frau in den Fluten eines reißenden Stroms zu versinken. Wir sitzen oder stehen direkt davor, am linken und am rechten Ufer. Gern würden wir ihr Beistand leisten, sie vor dem Ertrinken bewahren. Doch die Konventionen des Theaters sprechen dagegen. Das Mädchen kämpft. Wir bleiben hilflos. Ihr Tod ist gespielt, ihre Nacktheit echt. Der Fluss, ob nun Amazonas, Mississippi oder Niagara, ist auch nicht mehr als eine Plastikplane – gerüttelt, geschüttelt und zu wildem Wellengang animiert von einem an den Enden positionierten Team.

Natürlich ist das ein uralter Theatertrick, aber so dramatisch fällt er sonst nie aus. Was spielt sich hier eigentlich ab? Ein «Sacre»-Ritual der Tupi-Indianer? Ihnen widmet die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues nach «Pororoca» und «Piracema» auch den dritten Teil ihrer Tupi-Trilogie. «Pindorama» nennen sie ihr Land. Das ist in Wirklichkeit längst zerstört, so wie ihr ganzer Lebensraum. Der Untergang ist natürlich auch eine gesellschaftliche Metapher, hier zuerst von einer Frau ganz alleine getanzt, dann vom Kollektiv. Alle fünf kämpfen sich mit nackter Haut durch ein Gewitter, zwischen Wolkenbrüchen, Erdrutsch und Flutwelle. ...

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Tanz Mai 2014
Rubrik: kalender und kritik, Seite 40
von Thomas Hahn

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