Zorn und Trauer

Das Festival «TransAmériques» in Montréal hat indigene und postkoloniale Kritik an Imperialismen jeder Art ins Zentrum seiner diesjährigen Ausgabe gestellt. Zu Besuch war Esther Boldt

Auf einer zentralen Einkaufsstraße Montréals zieht eine große Gruppe bunt gekleideter Tänzer*innen ihre Kreise. Panflöten erklingen, Klatschen und Gesang. Passant*innen und Theatergänger*innen sammeln sich um die Tanzenden, aus den Fenstern des Fitnessstudios wie der anliegenden Geschäfte schauen Neugierige. Unter den Tanzenden in ihren traditionellen Gewändern fällt einer auf, fällt einer heraus: ein junger Mann mit breitem Lachen, der außer seinem prachtvollen, bunten Schulterschmuck nur eine weiße Unterhose trägt und weiße Sneaker.

Schutzlos wirkt er im kalten Wind, der vom Sankt-Lorenz-Strom heraufweht, und doch ist er unverkennbar das Zentrum des Geschehens.

Indigener Körper in globaler Wirtschaft
Es ist der Performer Tiziano Cruz, der sich da von drei lokalen argentinischen Tanzgruppen ins Theater geleiten lässt. Denn in jeder Stadt, in der «Soliloquio» gastiert, sucht Cruz nach Tänzer*innen und Musiker*innen aus seiner Heimat, der Andenregion – und stets wird er fündig. Im Theater angekommen, betritt er die Bühne allein, um in einem Solo schonungslos seine Position als indigener Körper in einem globalen, ausbeuterischen Wirtschaftssystem ebenso zu beschreiben wie im ...

Kuration und Postkolonialismus

Der Kurator, die Kuratorin, das sind seit einigen Jahren zentrale Figuren in der Präsentation von Tanz. Ungewöhnlich allerdings, dass kaum jemand genau sagen kann, was damit gemeint ist – meist wird ein Bereich zwischen Dramaturgie, Programmierung, ökonomischer und inhaltlicher Begleitung von Tanzproduktionen beschrieben, verstärkt durch die speziellen Bedingungen freien Produzierens. Eine scharfe Definition steht allerdings noch aus. Sigrid Gareis, Nicole Haitzinger und Jay Pather versuchen eine solche mit ihrem Reader «Curating Dance : Decolonizing Dance». Wobei zu Beginn erst einmal eine Begriffsklärung steht – Gareis selbst beschreibt mit ihrem Grundsatzartikel «What is a Curator in the Performing Arts?» ausführlich, wie das Berufsfeld aussieht, vor allem aber auch, welchen Widerständen man gegenübersteht, wenn man sich selbst als Kurator*in bezeichnet. Dieser Artikel ist wichtig, um eine gemeinsame Sprache zu finden, wirklich spannend wird die Publikation aber, wo aus diesen Grundsatzüberlegungen politische und ästhetische Schlüsse gezogen werden: in Kirsten Maars «How to Do Things with Care: Feminist Curating in Dance» etwa, oder in Rainy Demersons «Artistic Reparations: The Curious Coration of African Contemporary Dance». Hier wird deutlich, wie wichtig intelligentes Kuratieren für unsere Sicht auf Tanz ist, gerade auch angesichts kultureller und historischer Verwerfungen. Vielleicht ist das auch die Antwort, weswegen Kurator*innen gerade in Zeiten relevant werden, in denen der Postkolonialismus sich zur prägenden Denktradition entwickelt.  ...

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Tanz Oktober 2023
Rubrik: Report, Seite 58
von Esther Boldt

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Lustbogen

Was er da zu sehen bekam, war für den jungen Sigmund Freud schwer zu fassen: Frauen, deren Körper sich wie ein Rundbogen wölbte – Füße und Kopf auf dem Klinikbett, während die Taille wie im Zenit über der Matratze schwebte. Und das war kein seltener Anblick, sondern an der Tagesordnung an der Pariser Salpêtrière, wo der Neurologe Jean-Martin Charcot vorzugsweise...