White Boy Realness

Die Wurzeln der queeren Ballroom-Szene mit glamourösen Voguing-Battles reichen bis ins Harlem der 1960er-Jahre zurück. Wie authentisch Posing sein kann, zeigt der Film «Port Authority» von Danielle Lessovitz.

Die erste Berührung: Sie klebt ihm ein Nikotinpflaster auf den Bauch. Die zweite: Sie schreibt ihm ihren Namen auf den Unterarm. Die dritte: Beide legen die Handflächen aneinander, und er ist sichtlich überrascht, dass ihre Hände nicht kleiner sind als seine. Zärtlich also geht es zu, als der 20-jährige Paul (Fionn Whitehead), obdachlos, auf Bewährung und eben noch brutal in der Bahn zusammengeschlagen, am Busbahnhof Port Authority im Stadtbezirk Manhattan auf die charismatische Tänzerin Wye (Leyna Bloom) trifft.

Die improvisiert mit ihren «Geschwistern» gerade eine kleine Voguing-Nummer auf den Stufen des Bus Terminal – ein buntes Häuflein exaltierter Paradiesvögel inmitten des Molochs New York, den der Film schonungslos von seiner düstersten, unwirtlichsten Seite zeigt.

Von Anfang an setzt die Regisseurin und Drehbuchautorin Danielle Lessovitz in ihrem Spielfilm-Debüt «Port Authority», das erstmals 2019 in Cannes in der Sektion «Un Certain Regard» gezeigt wurde, auf maximale Kontraste von Zärtlichkeit und Brutalität. Zwischen diesen Extremen schickt sie ihren Protagonisten in ein von Verschweigen und Lügen überschattetes Doppelleben. Der verstörte und lädierte junge Mann findet ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz März 2021
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Marc Staudacher

Weitere Beiträge
Systemfrage

Das Manifest der Schweriner Tänzer*innen (Seite 50) wirft die Systemfrage auf. Das Ensemble, das beinahe vollzählig aufgrund eines Intendantenwechsels «nicht verlängert» wurde, greift die derzeitige Nicht-Verlängerungs-Praxis an und stellt damit eine jahrzehntelange Usance infrage. Rechtlicher Hintergrund der Nicht-Verlängerung ist die im Tarifvertrag NV Bühne...

Rafaële Giovanola «Hybridity»

Hybrid, den Begriff mag man vor lauter Hype nicht mehr hören. Fantasiert man sich noch Hydro und Hybris dazu, hat man die Fische vor Augen, die vor Urzeiten an Land krochen. «Hybridity» also nennt die Bonner Company CocoonDance, die im Theater im Ballsaal residiert, häufig mit dem Theater im Schweizer Monthey kooperiert und viel tourt, eines ihrer neuen Stücke. Es...

Dance Company «Open Windows IX»

Ein letztes Mal, der letzte Tanz. Der Künstlerische Leiter der Dance Company des Theaters Osnabrück, Mauro de Candia, verlässt das Haus, und so findet die Reihe «Open Windows», in der Ensemblemitglieder sowohl als Choreograf*innen als auch als Tänzer*innen agieren, mit Teil IX ihr Ende. Gleichzeitig ist es der erste Versuch, von der Bühne des emma-theaters aus...