Volksball à la française

Die Guinguettes an den Ufern von Marne und Seine starten in die neue Saison. Frankreichs traditionsreiches Sommervergnügen ist eine heitere Mischung aus Tanz, Speis und Trank – und der letzte Teil unserer Gesellschaftstanzserie

Cancan, Baguette, Guinguette. Das Triptychon der Frankreich-Klischees enthält gleich zwei Tanztraditionen aus dem 19. Jahrhundert, und beide sind mit dem Ball liiert. Während der Cancan derzeit versucht, wieder ein authentisches statt rein touristisches Dasein zu finden, stehen die Guinguettes an den Flussufern vor den Toren von Paris schon längst wieder in voller volksnaher Blüte. Zumindest in der warmen Jahreszeit. Renoir und Van Gogh hielten sie in Ölfarben fest, so wie Toulouse-Lautrec das Treiben in den Cabarets auf Montmartre überlieferte.

In den 1970er-Jahren, als Frankreich seinen Nachkriegsaufschwung erlebte und sich modernisierte, als überall Kulturhäuser gebaut wurden und mitten in Paris das Centre Pompidou entstand, da erschien es seinen Bewohnern muffig und provinziell, die Hauptstadt zu verlassen, um in der Banlieue das Tanzbein zu schwingen. Das Wochenendvergnügen suchte man fortan in Rom, Amsterdam, Madrid oder Berlin. Die meisten der Tanzlokale am Flussufer wurden abgerissen. Doch einige überstanden die Flaute, und heute gibt es wieder eine richtige Szene, die sich trifft, sobald die lauen Sommernächte locken, und die jedes Jahr am 14. Juli ihre «Miss Guinguette» ...

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Tanz Mai 2018
Rubrik: Serie: Gesellschaftstanz, Seite 64
von Thomas Hahn