Verlangsamen
Wir treffen uns in einem Café, das in der Wiener Kulturszene nicht unbedingt als schick gilt. Dort gibt es einen Tisch, an dem man gut im Raum integriert, aber doch geschützt und für sich sitzt. Zufallsbegegnungen und die daraus resultierenden Ablenkungen sind unwahrscheinlich. Gut so. Wir haben beide nur wenig Zeit.
Im Kaffeehaus wurden einst ganze Tage verbracht. Heute ist das Zeitmaß, das es braucht, um einen Kaffee durchzubesprechen, zwar deutlich geschrumpft, aber unser Kaffee hat immerhin noch Spielfilmlänge.
«Ein Spielfilm muss ja wenigstens 88 Minuten dauern», sagt Philipp Gehmacher. «Im Tanz kann man ein Stück mit fünfzig Minuten gerade noch abendfüllend nennen.» Kürzere Filme oder Stücke anzubieten, widerspräche gängigen Präsentationslogiken. Diese formatierenden Zeitrahmen üben an sich schon einen gewissen Druck aus, denn «eine Arbeit von mir kann nur schwer über eine Stunde hinausgehen».
Draußen rauscht der Verkehr. «Vor einigen Wochen habe ich bei John Berger gelesen, dass unser Verständnis von Raum nur mit Architektur und der Stadt zu tun hat. Berger fragt, ob Höhlenmalereien räumlich sind. Eben. Sind sie nicht. Und darum behauptet er, dass es zur Zeit ihres ...
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Einen gestandenen Choreografen wie Mark Morris als Hoffnungsträger zu bezeichnen, mag manchem als kühn erscheinen. Hochgejubelt hat man ihn Mitte der 1980er Jahre als «Mozart des Tanzes», weil hier einer war, der hoch musikalisch Barockes tanzte und tanzen ließ in einer Zeit, da Musik von Tanztheaterchoreografen allenfalls als Beiwerk benutzt wurde. Ich habe damals...
Nichts wiederholt sich, nie, schon gar nicht auf einer Bühne. Sollten deren Bretter tatsächlich «die Welt bedeuten», dann wohl genau aus diesem Grund. Es sind Bretter, die erlauben, dass hier real Raum und Zeit geschaffen wird für reale Körper und Aktionen, die nur in der Realität nicht existieren können. Oder, wie sich mit Gilles Deleuze sagen lässt, dort nicht...
In dieser Spielzeit zeigte die Erste Solistin des Balletts Karlsruhe wieder eine neue Facette ihres unerhört reichen schauspielerischen Könnens. Terence Kohler ließ sie in seiner Neufassung von Marius Petipas «La Bayadère» nicht die Titelrolle der Tempeltänzerin tanzen, sondern ihre so schöne wie verdorbene Gegenspielerin Gamsatti. Von Chalendards tänzerischem...
