Kassel: L. Vagnerová, J. Wieland «Fin de siècle»

Tanz

Neben Braunschweig, Bremen und Bielefeld ist es nur noch in Kassel zu finden: Tanztheater in der Tradition von Pina Bausch als ein festes Ensembleprojekt. Die legendäre Ära Susanne Linke und Reinhild Hoffmann – vorbei. Wir sehen also: eine Rarität aus deutschen Landen. Gut zwei Stunden haben wir, uns ins Kasseler Tanzensemble zu verlieben (wir tun es). Getanzt wird das «Fin de Siècle», gleich zweimal. Einmal als Untergang des Cartesianismus, hundert Jahre zuvor, als man den Geist dem Körper noch vorzog.

Und dann das «Fin de Siècle» heute, der Untergang des Glaubens an das endlose Wachstum. Chefchoreograf Johannes Wieland beschreibt in «Cathedral of Atoms» nicht weniger als unser untergangsschwangeres Lebensgefühl anhand der Halbwertzeit von Atomen. Solch ein Anspruch ist natürlich ein Fest für Dramaturgen wie Thomaspeter Goergen, für Komparatisten, die das Fin de Siècle, die Morgendämmerung der Emanzipation von einst, mit dem heutigen Erscheinen der Gleichstellungsbeauftragten in Verbindung setzen. Überdies wird der Tanz als menschliche Kernkraft bezeichnet, weshalb man überhaupt bei Wielands Tanz der Atome anlangt.

Den ersten Teil, den emanzipierten Tanz vor hundert Jahren, choreografiert Lenka Vagnerová unter dem Titel «Medusa in Cathedral»: ein morbider Opium-Traum, in dem ein einbeiniger Reisekoffer ebenso auftritt wie Jochanaan aus Oscar Wildes «Salome» – ein abgeschlagener Kopf, der auf der Bowlingbahn alle Neune des zehnköpfigen Ensembles fällt. Das Haupt des ugandischen Tänzers und Ingenieurs Shafiki Sseggayi wird hinter goldenen Schleiern die Lust am Unheimlichen tanzen, die bereits Sigmund Freud ausgeschlachtet hat. 

Doch auch ohne diese Schulbildung funktioniert die Reise ins angstgetränkte Unbewusste, aus dem einst der Ausdruckstanz emporklomm, der hier in einem finalen Tanz den alten Kaiser von seinem Sockel stößt. Vor allem die Frauen als risikobereite Forscherinnen und biegsame Leseratten erzeugen unsere Liebe zum Ensemble, weil Alison Monique Adnet, Chihiro Araki und Alessia Ruffolo ein Frausein vortanzen, wie man es selten so stolz zu sehen bekommt. Was sich fortsetzt, wenn nach der Pause Johannes Wieland die gute alte Dekonstruktion zu Beginn unseres eigenen Fin de Siècle in relativ komplex choreografierte Phrasen hüllt und sie verbindet mit der Lust an einem futuristisch wirkenden Theaterpop aus coolen Gesten, Sprüchen («I am always ready to be ready») und blank gezogenen Kaugummis und Brüsten bei permanentem Kostümwechsel (dank Evelyn Schönwald), um all die Aggregatzustände einer letztlich instabilen Welt als ein erstaunlich frisches Produkt aus der Region zu präsentieren. Da wird (tatsächlich sinnvoll) auch mal die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum aufgehoben, da wird frontal die Freiheit verteidigt. Und es wird sehr ernst gemacht mit der Tänzerin als Künstlerin dank eigener Persönlichkeit. Das, und nicht der tiefe Tiefgang, hat am Ende dieser Siècles am meisten beeindruckt.

Wieder Staatstheater, 4., 11., 25. Januar, 7., 25. Febr.; www.staatstheater-kassel.de 


Tanz Januar 2020
Rubrik: Kritik, Seite 38
von Arnd Wesemann