Serpentinen
Als Julia zum Ball schreiten will, stolpert sie schon auf der Treppe. Nein, tanzen kann diese Julia nicht. Und der Kraftprotz von einem Grafen Paris lässt ihr erst recht die Glieder gefrieren. Da trifft sie auf Romeo und wird in seinen Armen zum Schmetterling. Der schwebt und tanzt und flattert – und torkelt sich schließlich in den Scheintod. Als aber Romeo kalt und leblos in der Gruft liegt, fallen ihr die Flügel ab. Es ist die alte Geschichte.
Und John Neumeier hat sie, als er 1971 sein erstes abendfüllendes Ballett «Romeo und Julia» in Frankfurt auf die Bühne brachte, nicht eigentlich neu erzählt, sondern hat mehr als die Ballettversionen davor – auch jene des großen Vorbilds Cranko – auf das Drama Shakespeares und dessen stoffliche Quellen zurückgegriffen. So bringt er Shakespeares Figur der Rosalinde ins Ballett, um zu Beginn den Aufenthalt Romeos beim Hof der Capulets zu motivieren.
Die Handlung sollte durchgehend logisch nachvollziehbar sein. Das war dem Choreografen sehr wichtig. Den verwundeten Mercutio lässt er auf die Bühne einer Schauspieltruppe springen und da seine eigene Sterbeszene spielen. Als er tot darnieder liegt, klatscht die Menge. Alles Theater? Einer weiß ...
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Tanz Jahrbuch 2023
Rubrik: John Neumeier, Seite 96
von Lilo Weber
Im weißen Cashmere-Pullover und mit einer überdimensional großen Armbanduhr am Handgelenk sitzt John Cranko immer noch täglich rauchend im Stuttgarter Ballettstudio und scheint dabei Gedanken verloren in sich hineinzuhorchen, während er auf die Schrittfolgen der Tänzer*innen achtet. Zumindest sieht es so aus, auf dem riesigen Schwarz-Weiß-Foto, das im Proberaum des...
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Es ist ein bewölkter Sonntag. Kaum jemand ist auf der Straße, doch in diesem Café haben sich zu viele Menschen versammelt, sodass sie meinen Gedanken keinen Raum lassen. Ich setze mich nach draußen, entschlossen, mich von allen anderen fernzuhalten; ich möchte mich in alten und neuen Gedanken verlieren, mich von ihnen überwältigen lassen. Ein doppelter Espresso,...
