Serpentinen

Die vielschichtige Kunst des Erzählens

Tanz - Logo

Als Julia zum Ball schreiten will, stolpert sie schon auf der Treppe. Nein, tanzen kann diese Julia nicht. Und der Kraftprotz von einem Grafen Paris lässt ihr erst recht die Glieder gefrieren. Da trifft sie auf Romeo und wird in seinen Armen zum Schmetterling. Der schwebt und tanzt und flattert – und torkelt sich schließlich in den Scheintod. Als aber Romeo kalt und leblos in der Gruft liegt, fallen ihr die Flügel ab. Es ist die alte Geschichte.

Und John Neumeier hat sie, als er 1971 sein erstes abendfüllendes Ballett «Romeo und Julia» in Frankfurt auf die Bühne brachte, nicht eigentlich neu erzählt, sondern hat mehr als die Ballettversionen davor – auch jene des großen Vorbilds Cranko – auf das Drama Shakespeares und dessen stoffliche Quellen zurückgegriffen. So bringt er Shakespeares Figur der Rosalinde ins Ballett, um zu Beginn den Aufenthalt Romeos beim Hof der Capulets zu motivieren. 

Die Handlung sollte durchgehend logisch nachvollziehbar sein. Das war dem Choreografen sehr wichtig. Den verwundeten Mercutio lässt er auf die Bühne einer Schauspieltruppe springen und da seine eigene Sterbeszene spielen. Als er tot darnieder liegt, klatscht die Menge. Alles Theater? Einer weiß ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2023
Rubrik: John Neumeier, Seite 96
von Lilo Weber

Weitere Beiträge
Imperium

Carsten Brosda, Sie sind seit 2011 in Hamburg. Was war Ihr erster Kontakt mit dem Hamburg Ballett? 
Zunächst war ich ja für Medien zuständig, und damals war das Ballett auf einer Senatsveranstaltung Teil des Abendprogramms. Richtig intensiv wurde meine Beschäftigung mit dem Hamburg Ballett ab 2016, als ich als Staatsrat in die Kulturbehörde gewechselt bin und dann...

Erbe

Die junge Frau hat Angst – Todesangst. Sie tanzt um ihr Leben, gejagt von den schneidenden Klängen und erbarmungslosen Dissonanzen Igor Strawinskys. Elementare, rhythmische Wucht sucht ihren Körper heim. Tänzer nähern sich ihr bedrohlich. Sie sucht ihnen zu entkommen, schlägt die Arme um den bebenden Körper. Und neigt irgendwann, resigniert, den Kopf. Anique Ayiboe...

Aurora del Mori

Die italienische Fraktion im Stuttgarter Ballett ist zahlenmäßig und auch choreografisch stark. Aurora de Mori gab gleich in ihrer ersten Spielzeit – 2015 war sie als Elevin von der Cranko-Schule gekommen – bei einem Noverre-Abend ihr Debüt als Choreografin. Und wer jüngst in einer Privatgalerie das nunmehr elfte Stück der Gruppentänzerin gesehen hat, freut sich...