Re'im

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«Supernova Sukkot Gathering». Das ist der Name eines Trance-Festivals in der israelischen Wüste Negev, nahe des Kibbuz Re’im, Ableger des brasilianischen Festivals «Universo Parallelo». Trance ist eine radikale Variante elektronischer Tanzmusik, exzessiv, wummernd, das Wegbeamen in eine parallele Realität, mittels Sound, mittels Tanz und allem, was solche Events ausmacht.

In der Nacht zum 7. Oktober überrollte die Realität dieses tanzende Paralleluniversum. Terroristen fielen aus dem nahen Gaza-Streifen in das Festivalgelände ein.

Der Angriff war exakt geplant, Auftakt einer ganzen Serie von massakerartigen Pogromen in grenznahen Kibbuzen, die sich über Stunden erstreckten. Die Angreifer – Milizen der nationalistisch-islamistischen Terror-Organisation Hamas – töteten allein auf dem Festivalareal mindestens 260 Zivilisten. Es kam zu Misshandlungen, Vergewaltigungen, Demütigungen, Verschleppungen. Die Menschen werden als Geiseln und lebendige Schutzschilde für die Hamas-Struktur missbraucht. Schon der Gedanke ist unerträglich. Welche Folgen der Angriff nach sich zieht, in Israel, in der Levante, weltweit, kann noch gar nicht abgeschätzt werden. Nur das: Es wird verheerend sein.

Der Choreograf Ohad Naharin hat uns kurz vor dem Angriff ein Interview gegeben. Das einzige, dem er anlässlich der Premiere von «Last Work» beim Hessischen Staatsballett zugestimmt hat. Naharin steht für die Universalität und Unantastbarkeit der Menschenrechte. Für deren massenhafte Verletzung in den Palästinensergebieten macht er die stramm rechtsnationale Regierung Netanjahu verantwortlich. Zu den Kollateralschäden des barbarischen Überfalls zählt, dass Naharins Position (wie die Gleichgesinnter) Echoraum einbüßt. Der Schulterschluss ist das Gebot der Stunde. Wenn Israel den Gaza-Streifen militärisch aufrollt, wonach es bei Redaktionsschluss aussieht, wird der endlose «circle of violence» weitergedreht, von dem Naharin uns Tage nach dem Angriff schrieb. Wie kann der Exit gelingen? 50 Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg, an dem Naharin teilnahm? Ratlosigkeit, weltweit.

Nichts kann den Hamas-Terror rechtfertigen. Rein gar nichts. Beim «Supernova»-Festival tanzten junge Menschen, die sich eine andere Welt erträumten. Menschen, die Entgrenzung suchten und Ekstase. Wie wir. Sie bewegten sich in einem Paralleluniversum, in dem sich auch Splitter der Weltsicht eines Ohad Naharin widerspiegeln: Wo es egal ist, ob jemand Palästinenserin ist oder Israeli, gläubig oder nicht; wo die Kunst den Beat vorgibt und nicht die destruktiven Parolen der Fundamentalisten und Fanatiker gleich welcher Couleur.

Es gibt keine Ausrede für das, was in Re’im passiert ist. Es gibt nur Verachtung für die Hamas. Und Entsetzen. Und Mitgefühl für die Menschen, die leiden und leiden werden. Auf allen Seiten. Ihre tanz-Redaktion


Tanz November 2023
Rubrik: Warm-up, Seite 1
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