Marguerite Donlon «Orlando»
Die Wahl des Themas ist tatsächlich «zeitgeistig», wie der neue Grazer Ballettchef und Dramaturg Dirk Elwert in seiner Einführung vor der Premiere von «Orlando» bemerkt. Virginia Woolfs vielbeachteter Roman aus dem Jahr 1928, in dem klug mit der Uneindeutigkeit von Geschlechtern gespielt wird – damals auch Thema in der modernen Tanzszene –, passt genau zu aktuellen Queerness-Diskussionen. Die Erwartungen, nicht zuletzt dank des Grazer «Orlando»-Plakats, auf dem ein junger Mann abgebildet ist, sind entsprechend hochgeschraubt.
Ein Mann erscheint als Mann und – nach seiner/ihrer Erkenntnis – wie bei Woolf, als Frau?
Von solch einer Umsetzung ließ man sich in Graz wenigstens auf der Bühne nicht hinreißen. Die quirlige Tänzerin Lucie Horná mit dem frischen Pagen-Haarschnitt ist der Titelheld in der zweiaktigen, als großformatiges Handlungstableau mit knapp 20 Tänzer*innen auf bloßen Füßen oder in Socken angelegten Reise zum wahren Ich. Und bedient damit die en-travestie-Besetzung, wie sie in Ballettproduktionen des 19. Jahrhunderts verbreitet war. An Horná hängt der ganze Abend, es wirkt, als habe Choreografin Marguerite Donlon vor allem mit ihr an einer flüssig-akrobatischen, ...
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Tanz Dezember 2023
Rubrik: Kalender, Seite 44
von Andrea Amort
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