Lustbogen
Was er da zu sehen bekam, war für den jungen Sigmund Freud schwer zu fassen: Frauen, deren Körper sich wie ein Rundbogen wölbte – Füße und Kopf auf dem Klinikbett, während die Taille wie im Zenit über der Matratze schwebte. Und das war kein seltener Anblick, sondern an der Tagesordnung an der Pariser Salpêtrière, wo der Neurologe Jean-Martin Charcot vorzugsweise sogenannte Hysterikerinnen behandelte: Frauen, die ihre Leibesmitte mehr oder weniger regelmäßig zum «arc-en-cercle» erhoben. Angeblich veranstalteten sie dabei ein sublimes Spiel mit weiblicher Lust.
Doch tatsächlich handelte es sich wohl eher um per (ärztlicher) Suggestion erzeugte Phänomene, wie schon Charcots zeitgenössische Kritiker mutmaßten. Freud indes führten die Beobachtungen, die er während seines Pariser Aufenthalts machte, auf die Spur der Psychoanalyse. Während Künstler*innen des gerade beginnenden 20. Jahrhunderts jede Menge Inspiration aus den Fotoserien sogen, die das Krankenhaus von seinen berühmten Patientinnen anfertigen und auf dem Buchmarkt feilbieten ließ.
Auf diese Weise wurde die «Rückbeuge» endgültig in den Kreislauf der Kunst eingespeist und erfreute sich bald weiter Verbreitung. Bilder, ...
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Tanz Oktober 2023
Rubrik: Bewegung, Seite 4
von Dorion Weickmann
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