Lüneburg: Josep Caballero García «Who’s afraid of Raimunda»

Raimunda sei seine Urgroßmutter gewesen, erzählt Josep Caballero García. Eine selbstbewusste Frau, Ende des 19. Jahrhunderts in der spanischen Provinz, wohlhabend, undurchschaubar, gesegnet mit unheimlichen Begabungen. Queer. Angst vor ihr habe praktisch die gesamte Dorfbevölkerung gehabt: Als Raimunda einmal in der Kirche niesen musste, hätten alle gefürchtet, verflucht zu sein. Ziemlich coole Socke.

«Who’s Afraid of Raimunda» ist nach der Oper «Melancholía» die zweite Produktion Garcías im Doppelpass-geförderten Projekt «Queere Kreuzzüge», als Koproduktion mit Kampnagel Hamburg (wo die Uraufführung stattfand) und dem Theater Lüneburg. Martialischer Titel: «Queere Kreuzzüge». Mit «Raimunda» allerdings formuliert García eine Idee, wo er mit diesem Projekt hinmöchte: Er entwickelt eine Ikonografie von mehreren Raimundas, die sich aus dem mittelalterlichen Al-Andalus über die Urgroßmutter in die Gegenwart zieht. Queere Images, mit denen sich spielen lässt – darauf verweist schon der lange Einstieg des Stücks, im Grunde ein stetiger Fluss von auf- und abtauchenden Bildern, Shunga, Marlene Dietrich, Gustave Courbets «L’Origine du monde». Al-Andalus ist dabei Bezugspunkt und ...

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Tanz Januar 2021
Rubrik: Kritik, Seite 33
von Falk Schreiber

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