Lauter Lügen

Zürichs Ballettdirektorin Cathy Marston bringt Ian McEwans Schlüsselroman «Atonement» auf die Bühne. Was nicht vollends überzeugt, meint Dorion Weickmann

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Das Literaturballett ist fast so alt wie die theatralische Tanzkunst selbst. Nicht nur, dass kein Geringerer als Molière für die Comédieballets des Sonnenkönigs verantwortlich zeichnete. Kaum dem Absolutismus entronnen und ins bürgerliche Königreich der Romantik eingetreten, feierte das Genre bereits mit «La Sylphide» einen frühen Triumph. Der erste Elementargeist, sozusagen Urahnin sämtlicher Elfenwesen im Ballettzauberwald, war der Feder des Romanciers Charles Nodier entsprungen.

«Giselle» trippelte dank Heinrich Heines Fantasie durchs Winzerdorf – und so ging es dahin, bis das 20. Jahrhundert mit Schöpfungen von Frederick Ashton, Kenneth MacMillan, John Cranko, John Neumeier, Roland Petit … die Liste ließe sich lange fortsetzen – einen Höhepunkt an den anderen reihte. Wer also als Vorlage für eine Ballettschöpfung auf Roman, Schauspiel, Dichtung verfällt, hat eine eminente Genealogie im Rücken. Das kann beflügeln oder zur Hypothek werden. Im Fall der Zürcher Ballettdirektorin Cathy Marston trifft beides zu.

Fantastische Bilder
Für ihre erste abendfüllende Kreation hat die seit Beginn der Spielzeit amtierende Britin sich Ambitioniertes vorgenommen: mit der Entscheidung, ...

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Tanz Juni 2024
Rubrik: Produktionen, Seite 4
von Dorion Weickmann

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